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Bericht über die Fachtagung “Islam und Pädagogik” der GMSG am 22.Juni 1997 in Bonn
Die zweite Fachtagung der GMSG fand in Tagungsräumen des Bonner Jugendgästehauses statt: Thematischer Schwerpunkt waren Ansätze einer islamischen Pädagogik in Theorie und
Praxis unter besonderer Berücksichtigung der "Heitmeyer-Studie". Von den Teilnehmern wurde vorausgesetzt, daß sie sich sowohl mit der Heitmeyer-Studie und der daran angeknüpften Mediendebatte
schon auseinandergesetzt haben. Zwei Vorträge sollten die theoretische Dimension der Themenstellung anreißen (einer mußte leider verschoben werden); daran anschließend stellten zwei Berichte aus der
Praxis die Anwendung islamisch-pädagogischer Vorstellungen im Alltag vor.
Nach der Begrüßung begann Harun Behr zum Thema "Islamische Bildungstheorie" zu referieren.
Als Grundschullehrer mit islamischem Hintergrund setzt sich Herr Behr schon seit langem mit der Thematik auseinander und hat dazu auch ein Buch verfaßt, welches inschaAllah
bald erscheinen wird. Entscheidendes Merkmal seiner Bildungstheorie ist die Zieldimension Jenseits, welche jeden Menschen für sich selbst verantwortlich macht. Denn der Mensch ist innerlich nicht
ausgeglichen, wenn er nur die Anforderungen des diesseitigen Lebens in den Vordergrund stellt und den transzendentalen Aspekt total vernachlässigt. Die islamischen Gebetsrituale und die Entwicklung
religiöser Regeln im Islam zum Beispiel führen jedoch dazu, daß man feste Anknüpfpunkte im täglichen Leben hat, welche einem innere Sicherheit und Geborgenheit geben und gleichzeitig die ganz persönliche
Verantwortung eines jeden Menschen vor Gott und seinen Mitmenschen betonen. Es ist auch diese Zieldimension, welche im islamischen Erziehungsmodell dem Aspekt der Selbsterziehung einen so großen
Stellenwert einräumen, wie man ihn in keinem anderen Erziehungskonzept findet. Interessant war auch die Definition von Intelligenz aus islamischer Perspektive: es ist, ganz grob gesagt, die Fähigkeit,
Offenbarungsakte zu verstehen und umzusetzen. Der Vortrag sprach so viele Punkte an, daß es nicht möglich ist, sie kurzgefaßt widerzugeben, man kann nur hoffen, daß das Buch von Bruder Harun bald
erscheinen wird.
Nach einer längeren Diskussion und einer kurzen Pause stellte Amina Theißen das Multikulturelle Begegnungs- und Fortbildungszentrum muslimischer Frauen in Köln vor, erörterte
davor aber ausführlich die Heitmeyer-Studie. Dabei schloß sie sich der allgemeinen Kritik an, die an dieser Studie schon in verschiedenen Artikeln geäußert wurde; im Großen und Ganzen wurden
Undifferenziertheit; Verallgemeinerung und Pauschalisierung sowie unwissenschaftliches Vorgehen in einigen Detailaspekten (z. Bsp. Suggestivfragen) festgestellt.
Daran anschließend berichtete Frau Theißen von der Arbeit im Zentrum, welches seit einem Jahr besteht, wobei sie betonte, daß es von öffentlicher Seite sehr anerkannt und
auch finanziell gefördert wird. Jetzt fehlt nur noch die Intensivierung der Zusammenarbeit mit den verschiedenen muslimischen Vereinen.
Nach dem Mittagsessen und Gebet ging es weiter mit der Vorstellung des Instituts für Internationale Pädagogik und Didaktik (IPD). Amina Erbakan informierte die
Tagungsteilnehmer über die Arbeit des Instituts, welche sowohl theoretische Arbeit an Curricula und Lehrbüchern als auch die Realisierung der theoretischen Vorstellungen in der Praxis anbietet. Durch
diese Verknüpfung von Theorie und Praxis wird die Anwendbarkeit der islamisch-pädagogischen Vorstellungen immer wieder in dem jeweiligen Kontext überprüft. Das Institut hat inzwischen zwei
Unterrichtsmappen erstellt, in welchem der islamische Tauhid-Gedanke pädagogisch interpretiert wird und didaktische Anleitung zur Vermittlung desselben gegeben wird. Die Autorinnen wenden sich mit
diesen Lehrmaterialien jedoch nicht an den klassischen Schulunterricht, vielmehr ist der Moscheezirkel als Zielgruppe angesprochen.
Last but not least erläuterte und Anas Al-Sheikh-Ali vom IIIT in London neuere Aspekte der Huntington-Debatte. Indem er die älteren Arbeiten und Thesen Huntingtons
analysierte zeigte Al-Sheikh-Ali auf, daß die Debatte so alt nun auch wieder nicht ist. Huntington versuche vielmehr auf wissenschaftlicher
Basis die Andersartigkeit des Islam zu beweisen und konstruierte dabei eine Art Unverträglichkeitsprognose des Islam mit abendländisch-westlichen Werten. Dabei übersehe er jedoch, wie verschieden auch das Abendland (und auch die sogenannten islamischen Länder) sind; er scheint auch vergessen zu haben, daß die großen Kriege der letzten Jahrhunderte unter den angeblich kulturell so gleichen europäischen Kulturen geführt wurden.
Interessant war, wie dargestellt wurde, in welcher Position Huntington steht und für welche Institutionen er arbeitet, dies hat seine Thesen dann in einem anderen Licht
erscheinen lassen.
Nach den Vorträgen und den Vorstellungen der Projekte stand noch Organisatorisches an:
Es sollte sowohl die Satzung der GMSG verabschiedet als auch ein neuer Vorstand für die nächsten zwei gewählt werden.
Gegen 18.00 stand dann der neue Vorstand fest: Irmgard Pinn wurde als Vorstandsvorsitzende gewählt, Ibrahim El-Zayat als ihr Vertreter. Die weiteren Vorstandsmitglieder sind:
Marlies Wehner, Senay Akar und Amena El-Zayat.
Festgelegt wurde auch der Termin der nächsten Tagung.
Wir können nur hoffen, daß sich der Arbeitsplan des (überwiegend weiblichen) Vorstands realisiert, was sicherlich nur mit der aktiven Mitarbeit aller GMSG-Mitglieder
geschehen kann.
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