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In der Bundesrepublik leben annähernd drei Millionen Muslime und Musliminnen. Der Islam ist damit die drittgrößte Religionsgemeinschaft. Trotzdem wissen die meisten Deutschen wenig über diese “fremde
Religion”. Das liegt auch daran, daß Muslime als eigenständige gesellschaftliche Gruppe, vergleichbar den Christen und Juden, bisher aktiv kaum in Erscheinung treten. Allerdings sind besonders unter den
jüngeren Muslimen in den letzten Jahren Interesse und Bereitschaft gewachsen, sich für die muslimische Gemeinschaft, der sie sich zugehörig fühlen, zu engagieren.
Aus dieser Grundhaltung heraus möchte die GMSG mit eigenen Beiträgen (Artikel, Newsletter, Schriftenreihe usw.) wesentliche Denkstöße geben. Auf diesen Seiten werden Sie eine kleine Auswahl an Beiträgen finden. Mit der Schriftenreihe wollen einen Beitrag zur wissenschaftlichen Diskussion leißten und jungen Sozial- und Geisteswissenschaftlern die Möglichkeit geben, ihre Arbeiten zu veröffentlicen. Die Schriftenreihe kann bei der GMSG (Osterather Str.7, 50739 Köln) bestellt werden.
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Der Islam und die soziale Frage
Von Norbert Müller
Der Islam wird zumeist von der “Kopftuchfrage” her diskutiert – dies geschieht sowohl in den Medien und der nichtislamischen Öffentlichkeit als auch bei den Muslimen selbst. In den Vordergrund gestellt werden
bestimmte kulturelle Praktiken, die die westliche Gesellschaft als “fremd” empfindet. Davon ausgehend wird schnell auf “unvereinbare Wertesysteme” geschlossen, die, da nicht dialogfähig, zum “Clash of Civilizations”
führen. Bei dieser Fixierung auf das Kulturelle wird der soziale Gehalt etwa des sogenannten “Islamismus” nicht gesehen. Völlig unbeachtet bleibt, inwieweit sich ein “Dialog der Zivilisationen” um die Frage
entwickeln kann, welchen Beitrag der Islam und die Muslime in einem Diskurs gegen die globale Hegemonie des ökonomischen Totalitarismus leisten können.
Die Lage der muslimischen Einwanderer
Dass dieses Thema unterbelichtet ist, ist auch von den Muslimen selbst verschuldet. So werden in Deutschland die Konflikte bislang ausschließlich um Fragen der unmittelbaren Religionsausübung geführt:
Dies geht vom Moscheebau über Diskriminierungen kopftuchtragender Frauen und Mädchen bis zur Schlachtung nach islamischen Regeln und dem schulischen Religionsunterricht. Hinter diesen und einer Reihe anderer Themen
steht ein Fülle von Problemen, welche die jeweiligen Gemeinschaften oft bis an die Grenze ihrer Möglichkeiten beschäftigen. Deshalb und weil eine islamische Existenz ohne Gewährleistung der unmittelbaren religiösen
Notwendigkeiten nicht möglich wäre, haben diese Themen natürlich bislang im Vordergrund gestanden.
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Unterrichten mit Kopftuch - eine “undeutsche” Berufstätigkeit? Fereshta Ludin kämpft um ihr Recht (Marlies Wehner)
Es gibt Staaten (wie z.B. Großbritannien, Dänemark), in denen Beschäftigte unterschiedlicher Religionszugehörigkeit - auch im öffentlichen Dienst, selbst im sensiblen Erziehungsbereich - nicht
in erster Linie als Problem wahrgenommen werden. Dabei werden der Konsens über gesellschaftliche Grundwerte und die Einhaltung des durch die Verfassung gesetzten Rahmens als Voraussetzung der
Berufstätigkeit betrachtet. In Deutschland sieht es anders aus: Wenn hier - exemplarisch in Baden-Württemberg - darum verhandelt wird, ob eine kopftuchtragende Lehrerin SchülerInnen einer öffentlichen
Schule in den Fächern Deutsch, Englisch und Gemeinschaftskunde unterrichten darf, so geht es dabei tatsächlich um eine grundsätzlichere Frage. Wer verfügt über die Macht, seine Definition von
Kultur als diejenige Definition durchzusetzen, die für die breite Öffentlichkeit Gültigkeit besitzt? Wer diese Definitionsmacht besitzt, legt zugleich den Rahmen für Integration oder Ausgrenzung
fest, bestimmt Kriterien für akzeptables bzw. abzulehnendes Verhalten, z.B. auch für das, was gesellschaftlich als Provokation
empfunden wird, was als Teil deutscher Identität verstanden wird usw. Die im Fall Fereshta Ludin geführten öffentlichen Debatten zeigen wieder einmal: es wird zwar
viel von Integration, interkulturellem Miteinander und Toleranz geredet, gefordert wird aber immer noch Assimilation im Sinne einer Einordnung in die Dominanzkultur
(vgl. Birgit Rommelspacher). Welche Umgangsformen und politischen Entscheidungen sind folglich in unserer Einwanderungsgesellschaft möglich, wenn Modelle des Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft und Religionszugehörigkeit verhandelt werden? Ich möchte an einigen Thesen verdeutlichen, welche Streitpunkte zu verhandeln wären.
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MASSOUMEH EBTEKAR
VIZEPRÄSIDENTIN UND LEITFIGUR DER FRAUENFORSCHUNG IM IRAN
Irmgard Pinn
Mit der Ernennung von Massoumeh Ebtekar zur Vizepräsidentin ist die Situation iranischer Frauen wieder einmal ins Aufmerksamkeitszentrum der Weltöffentlichkeit gerückt. Während man im Westen
überwiegend davon ausgeht, Iranerinnen seien weitgehend vom Arbeitsmarkt und vom politischen Leben ausgeschlossen, spricht die Anthropologin Ziba Mir Hosseini (Cambridge) vom Entstehen eines neuen
Feminismus im Iran - einem Feminismus, der sich nicht auf abendländische Emanzipationsideale, sondern auf den Islam bezieht. Die Frauenfrage, schreibt sie, sei heute ein nicht mehr wegzudenkender
Bestandteil moderner islamischer Diskurse. Daran beteiligten sich auch Frauen, die die alten Texte wiederlesen, um aus dem Islam Lösungsansätze für ihre aktuellen Fragen und Probleme zu finden. Zwar
versteht sich die Naturwissenschaftlerin Ebtekar nicht als Feministin - dieses Wort ist im Iran (wie wohl überall in der "islamischen Welt") so sehr durch vom Westen vorgegebene Normen und
Lebensformen belastet, daß es für die meisten Musliminnen als Identifikationskonzept nicht in Frage kommt. Doch ohne Zweifel gehört sie zu der Gruppe intellektueller, sozial und politisch engagierter
iranischer Frauen, die eine humane und gerechte Gesellschaftsordnung auf islamischer Grundlage anstreben. Seit sie nach Abschluß ihres in den USA absolvierten Chemiestudiums in den Iran zurückkehrte,
lehrt sie an der Teheraner Universität und engagiert sich gleichzeitig in der Frauenbewegung. .
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