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Der Islam und die soziale Frage
Von Norbert Müller
Der Islam wird zumeist von der “Kopftuchfrage” her diskutiert – dies geschieht sowohl in den Medien und der nichtislamischen Öffentlichkeit als auch bei den Muslimen selbst. In den Vordergrund
gestellt werden bestimmte kulturelle Praktiken, die die westliche Gesellschaft als “fremd” empfindet. Davon ausgehend wird schnell auf “unvereinbare Wertesysteme” geschlossen, die, da nicht dialogfähig, zum “Clash
of Civilizations” führen. Bei dieser Fixierung auf das Kulturelle wird der soziale Gehalt etwa des sogenannten “Islamismus” nicht gesehen. Völlig unbeachtet bleibt, inwieweit sich ein “Dialog der Zivilisationen” um
die Frage entwickeln kann, welchen Beitrag der Islam und die Muslime in einem Diskurs gegen die globale Hegemonie des ökonomischen Totalitarismus leisten können.
Die Lage der muslimischen Einwanderer
Dass dieses Thema unterbelichtet ist, ist auch von den Muslimen selbst verschuldet. So werden in Deutschland die Konflikte bislang ausschließlich um Fragen der unmittelbaren
Religionsausübung geführt: Dies geht vom Moscheebau über Diskriminierungen kopftuchtragender Frauen und Mädchen bis zur Schlachtung nach islamischen Regeln und dem schulischen Religionsunterricht. Hinter diesen und
einer Reihe anderer Themen steht ein Fülle von Problemen, welche die jeweiligen Gemeinschaften oft bis an die Grenze ihrer Möglichkeiten beschäftigen. Deshalb und weil eine islamische Existenz ohne Gewährleistung
der unmittelbaren religiösen Notwendigkeiten nicht möglich wäre, haben diese Themen natürlich bislang im Vordergrund gestanden.
Trotzdem haben die Muslime allen Grund, sich ihrer sozialen Lage anzunehmen: Die Muslime sind in ihrer übergroßen Mehrheit seit den sechziger Jahren als Einwanderer nach Deutschland gekommen. Dabei
wurden sie vorallem für Beschäftigungen in den produzierenden Bereichen (Bergbau, verarbeitendes Gewerbe, Bau) mit eher einfachen Tätigkeiten und erschwerten Arbeitsbedingungen eingestellt. Durch die
Umstrukturierungsprozesse seit den achtziger Jahren sind aber gerade viele dieser Arbeitsplätze weggefallen.
Dieser Prozeß hat Ausländer sehr viel stärker betroffen als Deutsche. 1974 waren fast 80 % aller Ausländer (insgesamt 56 %) im produzierenden Gewerbe beschäftigt. 1998 waren es nur ca.
53 % (insgesamt 40 %). Folge ist eine hohe Arbeitslosigkeit: Im Vergleich einzelner Nationalitäten sind es die Türken, die mit ca. 24 % die höchste Arbeitslosenquote aufweisen. Die der Deutschen liegt bei ca. 9 %.
Im wesentlichen sind zwei Gründe dafür verantwortlich, dass muslimische Einwanderer am stärksten von Arbeitslosigkeit betroffen sind: Erstens sind sie durch ihren mehrheitlich nach wie
vor bestehenden Ausländerstatus bei der Arbeitsplatzvermittlung diskriminiert. Zweitens bestehen weiterhin im Vergleich zur deutschen Bevölkerung gravierende Bildungsdefizite. Der Bildungsgrad muslimischer
Einwandererkinder liegt deutlich unterhalb des Niveaus deutscher Gleichaltriger. In den Haupt- und Sonderschulen sind sie überrepräsentiert, in den Gymnasien dagegen unterrepräsentiert (9,7 % der Einwandererkinder
besuchen ein Gymnasium, bei den deutschen sind es 31,5 %).
Es besteht die Gefahr eines unheilvollen Kreislaufes aus schlechter Bildung, daraus folgenden schlechten Berufschancen, was wiederum zu Arbeitslosigkeit und allgemeiner Armut führt.
Droht eine soziale Marginalisierung der muslimischen Einwandererminderheit in Deutschland. “Ghetto” und “Parallelgesellschaft” wären damit weniger ein kulturelles als ein soziales Phänomen.
Die globale Situation
Dabei entspricht die Situation der muslimischen Einwanderer innerhalb der deutschen Gesellschaft vollkommen der Lage der islamischen Gesellschaften innerhalb der zur Zeit herrschenden globalen
Ordnung. Genau wie die Einwanderer mit zu den Opfern der durch den “Turbokapitalismus” der letzten zwei Jahrzehnte angeschobenen Umstrukturierungen gehören, trifft dies im globalen Kontext auch auf die islamischen
Gesellschaften des nahen und mittleren Ostens sowie Afrikas zu. Und beide haben kaum Chancen, unter den herrschenden Bedingungen hieran irgend etwas zu ändern.
Hierzu schreibt der in Genf lebende und an den Universitäten von Genf und Fribourg Philosophie und Islamwissenschaft lehrende Autor Tariq Ramadan in seinem kürzlich erschienenen Buch Der
Islam und der Westen(1), in dem er sich u.a. ausführlich mit einem islamisch begründeten Widerstand die herrschende ökonomische Ordnung auseinandersetzt: “Der Fall der ehemaligen Sowjetunion hat die Lage durch
die Hegemonie des einzigen Wirtschaftsmodells, das “läuft”, verschärft: die liberale Ökonomie schickt sich an, den gesamten Planeten der Unfehlbarkeit ihrer Dogmen zu unterwerfen. Das einzige Ziel ist das Wachstum,
der alleinige Erfolg der Profit, die wahre Norm der Komfort. Auf dem großen Markt der Konkurrenz ist die Freiheit der einen im Krieg gegen die der anderen: hinter den großen Reden von der Menschheit verbirgt der
Liberalismus die Schatten einer schrecklichen Diktatur.
Das bloße Funktionieren der Institutionen von Bretton-Woods läßt schaudern. Die den Ländern ohne Entwicklung auferlegten “Strukturanpassungsprogramme” werden durch die “heilige”
Bezugnahme auf die “klassische” Ökonomie gerechtfertigt: die Gesundheit einer Nation bemißt sich an ihrer “exportfähigen” Produktion – ob etwas für die einheimische Bevölkerung übrigbleibt oder nicht, ist dabei
völlig gleichgültig. Mehr oder weniger langfristig, so ist zu hören, im weiteren Verlauf des Prozesses, werden sie daraus Nutzen ziehen. Die Fristen sind in es recht lang; nach dem “verlorenen Jahrzehnt” der
achtziger Jahre haben die Marschlinien für die jeweiligen nationalen Produktionen, die Kürzung der Subventionen für Grundnahrungsmittel und das Einfrieren der Löhne – um nur einige Maßnahmen zu erwähnen – die Armen
ihrem Elend überlassen und die verkommensten Diktaturen gestärkt. Die Sozialprogramme der Weltbank ändern daran nichts: das Prinzip der Unterstützung an sich ist fragwürdig.
Der Kult des Profits und die Liebe zum Menschen gehen nicht gut zusammen: die Hilfen sind zumeist durch politische Allianzen und gemeinsame Interessen bestimmt und nicht durch ein
aufrichtiges humanitäres Ansinnen. Die Knebelung des ökonomischen Denkens in den Kalkülen einer spezialisierten positiven Wissenschaft, ohne Orientierung an höheren menschlichen Werten, führt zu den Schrecken, die
wir heute erleben: vierzigtausend Männer, Frauen und Kinder sterben im Durchschnitt tagtäglich aufgrund der Ungleichgewichte einer unmenschlichen und ungerechten Wirtschaftsordnung. Kein Mensch, der einen Glauben in
sich trägt, kein Mensch, der ein Gewissen besitzt, kann diesen Zustand der Welt akzeptieren. Wie alle Religionen und spirituellen Wege verlangt der Islam von uns, nach Lösungen zu suchen und einem Befreiungsprozeß
Anstoß und Kraft zu verleihen.”
Die soziale Säule des Islam
Welche Lösungen kann der Islam dazu beitragen? Welchen Stellenwert hat überhaupt die soziale Frage im Islam? Um dies korrekt bewerten zu können, ist – ganz “fundamentalistisch” – eine Betrachtung der
religiösen Grundlagen erforderlich.
Im Islam gibt es fünf rituelle Grundpflichten, die für jeden Muslim verbindlich sind und auch als “fünf Säulen des Islam” bezeichnet werden: Das Bekenntnis zur Einheit Allahs (Tauhid) und der
Prophetenschaft Muhammads, das tägliche rituelle Gebet, das Fasten im Monat Ramadan, die Pilgerfahrt nach Mekka (Hadsch) und die Sozialsteuer (Zakat). Letztere ist eine Steuer auf Eigentum, ein genau festgelegter
Anteil an der Vermögensmasse, dessen Abgabe an bestimmte Personengruppen vorgeschrieben ist. Gegenüber manchen verfälschten Darstellungen ist zu betonen, dass es sich dabei um kein “Almosen”, sondern um eine
Pflichtabgabe handelt, die an acht bestimmte Gruppen, die im wesentlichen aus Armen und Bedürftigen bestehen, verteilt werden muß.
Genau betrachtet besitzt die Zakat den Charakter von etwas Anvertrautem, das man seinem eigentlichen Eigentümer, in diesem Fall den Armen und Bedürftigen, zurückgeben muß. Zakat ist der
festgelegte Anteil am Vermögen eines Muslims, der eigentlich nicht zu seinem Eigentum zählt und über den er keine Besitz- oder Verfügungsrechte hat, sondern verpflichtet ist, ihn an den Zakat-Berechtigten
weiterzuleiten. Umgekehrt ist der Bedürftige kein Almosenempfänger, sondern hat einen Rechtsanspruch.
Zugleich unterliegt dem Begriff der Zakat eine umfassende und ethische Konzeption der sozialen Organisation: Wer besitzt, hat Pflichten; wer entbehrt, hat Rechte vor Gott und gegenüber
den Menschen. Der Islam begreift die Armut nicht als normale Tatsache des sozialen Lebens und sieht auch nicht vor, dass das Mittel gegen dieses Problem in der freiwilligen Mildtätigkeit der einen für die anderen
besteht in der Hoffnung, dass der Überfluß der Reichen für die Bedürftigkeit der Armen auf wundersame Weise ins Gleichgewicht kommt. Die Pflicht der Zakat erhebt diese Frage in den Rang des Rechts und der Moral
jenseits des Beliebens des Einzelnen. Die soziale Solidarität gehört zum Glauben, sie ist dessen konkretestes Zeugnis: Mit Gott sein, heißt mit den Menschen sein.
Wenn die Sozialsteuer direkt neben das Gottbekenntnis und das Gebet gestellt wird, so zeigt sich allein daran die herausgehobene Relevanz der sozialen Frage. Wie auch die Pflichten zum gemeinsamen Gebet und zum gemeinsamen Zusammenkommen bei der Hadsch in Mekka zeigen, vermittelt der Islam überhaupt eine Lehre, die sich in all ihren Aspekten auf die gesellschaftliche und gemeinschaftliche Dimension richtet – und zwar in dem Maße, dass gesagt werden kann, dass es keine echte Ausübung der Religion gibt ohne persönliches Engagement in der Gemeinschaft. Die soziale Dimension ist also zentral.
Dies in Erinnerung zu rufen, ist wichtig, denn auch in der islamischen Welt ist der globale hegemoniale Diskurs des Ökonomismus spürbar. Gerade bei vielen Intellektuellen gibt es eine
Bereitschaft, sich dessen Diktat zu unterwerfen. Und gerade von den Muslimen im Westen verlangt man, dass die Religion von der Politik getrennt werden müsse. Wenn aber die Religion unpolitisch sein muß, dann
verkommt der gesellschaftspolitische Charakter des Sozialen im Islam zur Caritas als individueller Mildtätigkeit.
Trotzdem stellt Tariq Ramadan fest: “In der Mehrheit der muslimischen Gesellschaften engagieren sich die sozialen Akteure, die in der Mobilisierung der Gemeinschaft am aktivsten sind, im Namen islamischer Werte. Die lokalen Aktivitäten, die Solidaritätsnetze, die “alternative” Erhebung des Zakat, der Aufbau von Krankenstationen, die schulische Unterstützung und die Alphabetisierung der Erwachsenen sind nicht das Werk von Regierungen und noch weniger das Ziel von Strukturanpassungsprogrammen. Die Arbeit an der Basis wird unbezahlt, freiwillig und dynamisch von Muslimen verrichtet, die verstanden haben, dass ihr Engagement vor Gott zu allererst ein Engagement mit den Menschen ist.
Die gemeinschaftliche Dynamik ist die einzig denkbare, da alles im Islam von den Regeln des Ritus bis zur Anwendung in den sozialen Angelegenheiten darauf verweist. Im Okzident werden
Klagen laut über den wachsenden Individualismus, den Egoismus und den Ausschluß in den sogenannten “postmodernen” Gesellschaften. Der Geist der Konkurrenz und des Wettbewerbs überrollt jede solidarische
Willensbildung: das soziale Gewebe zerbröckelt und die Marginalität wächst unaufhörlich.
Man weigert sich indessen zuzugestehen, dass die mehrheitlich muslimischen Gesellschaften die Mittel zur Vermeidung der westlichen Verfallserscheinungen aus ihrer eigenen Kultur schöpfen
können: die Berufung auf die Transzendenz oder die Religion ist gänzlich unzulässig. Allerdings findet sich um den Begriff des Tauhid herum und in der Verlängerung der religiösen Bildung eine umfassende Konzeption,
eine Lebensweise, die die Geschwisterlichkeit, die gemeinschaftliche Partizipation und die Solidarität in den ersten Rang der Zweckbestimmungen des Gesellschaftsvertrages erhebt. Es gilt heute, des grundlegenden
Unterschiedes Gewahr zu werden zwischen dem Widerhall – im Herzen der Muslime - , den einerseits ein rein auf die Großzügigkeit gegründeter Aufruf zur Solidarität und andererseits eine Einladung zur sozialen
Partizipation, die sie mit ihren Bezügen, ihrer Kultur und ihrer Geschichte versöhnt, hervorruft.
Die Worte des Propheten (s.a.s.) “Gott steht dem Diener in dem Maße bei, als dieser seinem Bruder beisteht.” (Bukhari) hallen mit besonderer Kraft in den Herzen der Muslime, ob
praktizierend oder nicht, wider und sind angetan, eine Dynamik der Solidarität in Gang zu setzen, die kein Entwicklungsprogramm auch nur erhoffen könnte. Es muß damit Schluß sein, darin nur politische oder
populistische Manipulation zu sehen: hierin besteht gerade die grundlegende Lehre des Islam, und das “Erwachen”, von dem heute so viel die Rede ist, ist vorallem und mehrheitlich das “Erwachen” des “sozialen Islam”,
den die bestehenden Regimes so sehr fürchten.”
Interessenfront Süd-Süd-Nord
Angesichts der globalen Verhältnisse plädiert Tariq Ramadan für einen kulturübergreifenden Diskurs gegen Neoliberalismus. Partner eines solchen Diskurses sieht er bei allen sozialen Bewegungen,
die sich für einen eigenständigen Entwicklungsweg gegen das globale Diktat des Ökonomismus einsetzen: In den islamischen Bewegungen, in den sozialen Bewegungen des Südens, bei sozial engagierten Christen wie den
Basisgemeinden und Befreiungstheologen und auch bei jenen politischen Kräften des Nordens, die sich noch nicht haben vom Liberalismus vereinnahmen lassen. Dabei fordert er, nicht die kulturelle Ausdrucksform,
sondern den sozialen Gehalt ihres Agierens in den Vordergrund zu stellen:
“Hier gilt es, die Brücken zu betonen, die zwischen den verschiedenen Erfahrungen der sozialen Mobilisierung in den Ländern des Südens zu bauen sind. Wer einmal in den
Basisgemeinschaften tätig und an der Entwicklung von lokalen sozialen und ökonomischen Strategien beteiligt war, kann über die Ähnlichkeiten, die sie mit den muslimischen Erfahrungen aufweisen, überrascht sein. Die
Bezüge sind gewiß verschieden, wie auch das Anwendungsfeld, doch die Philosophie ist die gleiche, und sie erwächst aus dem gleichen Widerstand gegen die blinden Interessen der Großmächte und multinationalen
Konzerne. Wenn es auch nicht darum gehen kann, eine romantische islamische Dritte-Welt-Solidarität, die der in unseren Breiten altbekannten gleichkäme, wieder auferstehen zu lassen, so trifft gleichwohl zu, dass der
Islam im Verständnis der engagierten Muslime sich durch die gleiche Forderung nach Würde, Gerechtigkeit und Pluralismus ausdrückt wie die christliche oder humanistische Basisbewegung. Die Beziehungen und der
Erfahrungsaustausch müssten also intensiviert werden. Seit den vierziger Jahren haben die Muslime die soziale Intervention und die Untersuchungen auf dem Gebiet der lokalen alternativen Ökonomie
(Teilhabegesellschaften u.a.) ausgedehnt; Ende der sechziger Jahre entwickelte sich die von der Befreiungstheologie im Gefolge des 2. Vatikanischen Konzils gegründete Bewegung in die gleiche Richtung. In beiden
Fällen wird die Idee des Menschen und seine Würde, Pflichten und Rechte verteidigt.”
Dieser Ansatz mag nicht neu sein, aber er es ist erst einmal nur eine abstrakte Idee, die mit keiner politischen Realität korrespondiert – eher im Gegenteil. Gerade was den Islam
betrifft, kann man sich im Westen von der “fremden” kulturellen Erscheinungsebene nicht lösen: Weil die Muslime ihre sozialen Anliegen nicht in der Diktion der westlichen Intellektuellen ausdrücken – sie beziehen
sich auf Religion, Moral und Kultur - , wird dies deshalb als Ausdruck einer vollkommen anderen, “fremden” Geisteshaltung gesehen. Anstatt die Bedeutung der Begrifflichkeiten im Bezugsrahmen einer anderen
Zivilisation zu verstehen, werden Vergleiche auf der Erscheinungsebene gezogen: Weil die Muslime mit religiösen Begriffen daherkommen, ist das deshalb die Rückkehr in unser Mittelalter.
Ramadan kritisiert insbesondere die westliche Linke: “Häufig sind es die sogenannten fortschrittlichsten Kräfte, die den Islam und das, was das “islamistische Erwachen” genannt wird, am
heftigsten bekämpfen: ihre Urteile kennen keine Differenzierung und werden manches Mal so schnell und schneidend gefällt wie die Zeit, die sie aufgewendet haben, um sich mit der Frage zu befassen und den Akteuren
der anderen Zivilisation zuzuhören. (...) Unvorstellbar sind Überschneidungspunkte, gemeinsame Forderungen, eine gleiche Achtung des Lebens und der Werte. Das Spiel der Großmächte spielend identifiziert der
Vertreter der Gerechtigkeit, der Werte und des Humanismus seinen Feind in der ihm gegenüberstehenden Zivilisation mit dem Vertreter eben dieser Gerechtigkeit, dieser Werte und dieses Menschen. Der Konflikt bricht
aus, wo Dialog angebracht wäre, zumindest Zuhören.”
Diese Kritik richtet sich aber genau so an die Muslime: “Und die gleich intellektuelle Entgleisung bei den Muslimen, die aus dem Okzident einen monolithischen Block und unvermeidlichen
Träger von Konflikten machen, wo es keinen Mann und keine Frau mehr gibt, die nicht von moralischer Verkommenheit, Materialismus, Gewalt und Korruption heimgesucht wären. Das Bild ist nicht nur überzogen, es ist
irrig, falsch und trügerisch. Darin kommen alle die Männer und Frauen nicht vor, die ihre Zeit, ihre Energie und ihr Leben einsetzen, um die Verhältnisse zu verändern. Es schweigt über Millionen von Menschen, die
unter dem Zustand der Welt leiden, die sich aus Einsamkeit und Orientierungslosigkeit des bloßen Überlebens willen an alles und jedes klammern. Es übergeht schließlich all die Rechte, Freiräume und Anerkennungen der
Würde, die dem Bürger im Okzident zustehen und deren hundertster Teil in den muslimischen Ländern zu erhoffen wäre.”
Die Diskussion ist also schwierig und überhaupt wenig entwickelt. Für die Muslime ist sie aber lebensnotwendig. Sowohl die islamischen Gesellschaften als auch die muslimischen
Minderheiten im Westen drohen, unter der herrschenden Ordnung um jede Entwicklungsperspektive gebracht zu werden. Deshalb sind für sie Stimmen wie die Tariq Ramadans um so wertvoller.
Sie sind aber wertvoll gerade für jene im Westen, die sich nicht blindlings in den herrschenden Konsens einfügen wollen. Sie eröffnen nämlich einen anderen Zugang zu den Muslimen als den
durch den kulturalistischen Diskurs verbauten. Und sie können den – gemeinsamen – Blick lenken auf Dinge, die möglicherweise entscheidender sind als Kopftücher u.a., nämlich den Widerstand gegen den globalen
ökonomischen Totalitarismus.
Anmerkungen:
1) Tariq Ramadan, Der Islam und der Westen, Marburg 2000
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