|
MASSOUMEH EBTEKAR,
VIZEPRÄSIDENTIN UND LEITFIGUR DER FRAUENFORSCHUNG IM IRAN
Irmgard Pinn
Mit der Ernennung von Massoumeh Ebtekar zur Vizepräsidentin ist die Situation iranischer Frauen wieder einmal
ins Aufmerksamkeitszentrum der Weltöffentlichkeit gerückt. Während man im Westen überwiegend davon
ausgeht, Iranerinnen seien weitgehend vom Arbeitsmarkt und vom politischen Leben ausgeschlossen, spricht die
Anthropologin Ziba Mir Hosseini (Cambridge) vom Entstehen eines neuen Feminismus im Iran - einem Feminismus, der sich nicht auf abendländische Emanzipationsideale, sondern auf den Islam bezieht. Die
Frauenfrage, schreibt sie, sei heute ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil moderner islamischer Diskurse.
Daran beteiligten sich auch Frauen, die die alten Texte wiederlesen, um aus dem Islam Lösungsansätze für ihre
aktuellen Fragen und Probleme zu finden. Zwar versteht sich die Naturwissenschaftlerin Ebtekar nicht als
Feministin - dieses Wort ist im Iran (wie wohl überall in der "islamischen Welt") so sehr durch vom Westen
vorgegebene Normen und Lebensformen belastet, daß es für die meisten Musliminnen als Identifikationskonzept
nicht in Frage kommt. Doch ohne Zweifel gehört sie zu der Gruppe intellektueller, sozial und politisch engagierter
iranischer Frauen, die eine humane und gerechte Gesellschaftsordnung auf islamischer Grundlage anstreben. Seit sie
nach Abschluß ihres in den USA absolvierten Chemiestudiums in den Iran zurückkehrte, lehrt sie an der Teheraner
Universität und engagiert sich gleichzeitig in der Frauenbewegung. Mit dieser auch nach westlichen Maßstäben
"modernen" Lebensweise repräsentiert sie gewiß nicht gerade die Durchschnittsiranerin. Innerhalb ihres sozialen
Milieus fällt sie jedoch weniger aus dem Rahmen, als man dies aus hiesiger Perspektive anzunehmen geneigt ist.
Anders als gängige Klischeebilder von der unterdrückten, aus dem öffentlichen Leben verbannten Gestalt im
schwarzen Tschador suggerieren, sind viele Iranerinnen berufstätig, auch in leitenden Positionen, und politisch oder
sozial aktiv. Die Hindernisse und Konflikte, mit denen sie zu kämpfen haben, seien es strukturelle
Benachteiligungen, z.B. aus über Jahrhunderte verfestigten patriarchalen Traditionen, seien es die alltäglichen
Probleme von Frauen, die berufliche Ambitionen, politisches Engagement und die Rolle als Ehefrau und Mutter
miteinander in Einklang zu bringen versuchen, dürften westlichen Frauen nur allzu bekannt sein.In einigen deutschen
Zeitungen wurde vermutet, mit der Ernennung einer Vizepräsidentin wolle Präsident Khatami den vielen Frauen, die
ihn gewählt hatten, seine Reverenz erweisen, ohne sie wirklich an der Macht zu beteiligen. Doch für einen Posten
als "Alibifrau" dürfte Massoumeh Ebtekar sich kaum zur Verfügung stellen. Für das ihr übertragene Umweltressort
ist sie bestens qualifiziert, auch wenn sie mit ökologischen Themen bisher weniger in die Öffentlichkeit getreten ist.
Mit Kompetenz und Selbstbewußtsein, nicht zuletzt auch auf dem Hintergrund von Erfahrungen, die sie bei den
Weltfrauenkonferenzen in Nairobi und Peking sammeln konnte, wird sie sich in der männerdominierten Welt der Politik schon durchzusetzen wissen (abgesehen von dem doch wohl aufrichtigen Willen des neuen
Staatspräsidenten, die Position der Frauen in Politik und Gesellschaft zu stärken). Auch in ihrer neuen Position wird
Massoumeh Ebtekar mit Sicherheit weiterhin einen Großteil ihres Engagements den Belangen von Frauen widmen,
zum Beispiel dem an der Teheraner Universität neu etablierten Magister-Studiengang "Frauenforschung". Im
Mittelpunkt des interdisziplinär angelegten Curriculums, an dessen Ausarbeitung sie maßgeblich beteiligt war, steht
die Beschäftigung mit dem Status und den Rechten der Frau im Islam und in der islamischen Gesellschaft.
Außerdem beinhaltet es historische sowie kultur- und religionsvergleichende Lehrveranstaltungen, die durch
Elemente der Feldforschung ergänzt werden sollen. Zu erwähnen ist weiterhin das von Massoumeh Ebtekar
geleitete Zentrum für Frauenforschung. Es liegt in einer ruhigen Seitengasse von Teherans geschäftiger Hauptstraße
Vali-e Asr und bietet Platz für Büros sowie für von verschiedenen Gruppen genutzte Seminarräume. Wie man auf
den ersten Blick erkennt, wird in diesem Gebäude geforscht, unterrichtet und diskutiert. Plakate erinnern an
Ausstellungen und Konferenzen, an das Zentrum beteiligt war, oder weisen - im Entwurfsstadium - auf
bevorstehende Veranstaltungen hin. Ein ebenfalls noch in der Aufbauphase befindliches Projekt ist FARZANEH,
das von Ebtekar seit 1993 herausgegebene Journal für Frauenstudien und Frauenforschung. Es ist als Forum für
interdisziplinäre Debatten konzipiert und soll mit Artikeln in persischer und englischer Sprache die iranische an die
internationale Frauenforschung anbinden. Wie das Zentrum für Frauenforschung, ist auch FARZANEH aus der
Initiative engagierter Frauen entstanden und deshalb ständig mit erheblichen organisatorischen und finanziellen
Problemen konfrontiert. So konnte denn auch die eigentlich geplante vierteljährliche Erscheinungsweise noch nicht
realisiert werden. Bisher liegen acht Hefte vor. Das Themenspektrum der Beiträge reicht von Aufsätzen über
bedeutende Frauengestalten im Islam oder über das Frauenbild in der Dichtung und in der Philosophie bis zu
Auseinandersetzungen mit der Bevölkerungsentwicklung und Beiträgen, die sich mit methodologischen Fragen der
internationalen Frauenforschung beschäftigen. Ein Heft ist speziell der Situation von Mädchen gewidmet, wobei
Themen der internationalen Debatte aufgegriffen werden, z.B. die Frage nach den Einflußfaktoren auf die
Einstellung von Gymnasiastinnen zur Mathematik. Andere Beiträge behandeln Sozialisationsbedingungen und
Erziehungskonzepte im Iran, z.B. die Effekte mütterlicher Berufstätigkeit (mit dem Ergebnis, daß Berufstätigkeit
sich positiv auf die soziale Entwicklung ihrer Kinder auswirkt, besonders auf die der Mädchen). Einen
Schwerpunkt bilden schließlich Artikel, in denen es um die Rechte der Frau und um die Verbesserung ihrer
sozialen Stellung geht. Dabei werden sowohl spezielle Themen erörtert, z.B. das 1992 revidierte Scheidungsrecht,
als auch grundsätzliche Debatten über Menschenrechte und Frauenrechte geführt. In diesem Zusammenhang von
besonderem Interesse ist ein im jüngsten Heft veröffentlichtes Interview mit Ayatollah Seyed Mohammad
Bojnourdi, einem renommierten Gelehrten, der an mehreren iranischen Universitäten lehrt, zum Thema islamisches
Recht (fiqh) und Frauenrechte. Bojnourdi betont zunächst die Vereinbarkeit der Menschenrechte mit dem Islam.
Zwar seien die islamischen Gesetze göttlichen Ursprungs und damit ewig gültig und unveränderbar, doch alle nicht
explizit im Koran geregelten Rechtsfragen seien der praktischen Vernunft überlassen. Dazu zählen für ihn die
juristischen Regelungen des Wirtschaftslebens, aber auch die Menschenrechte. Wo der Islam Männern oder
Frauen bestimmte Privilegien bzw. Rechte gibt, dürfe das nicht als Diskriminierung interpretiert werden. Beispielhaft
verweist er auf die Begünstigung des Mannes im Erbrecht, die jedoch an seine Unterhaltspflicht gekoppelt sei. In
manchen Bereichen würden auch die Frauen privilegiert, z.B. im Strafrecht. Abgesehen davon basierten viele
religiöse Gesetze, nicht zuletzt solche, die heute als Frauen diskriminierend empfunden werden, auf
Koran-Auslegungen durch Gelehrte und auf Traditionen, die unter veränderten Umständen durchaus revidierbar
seien. Der - bedauernd oder hämisch - für gescheitert erklärte "kritische Dialog" mit dem Iran hat in Wirklichkeit
noch gar nicht stattgefunden, zumindest wenn man unter Dialog etwas anderes versteht als Monologe, in denen die
Beteiligten sich wechselseitig auf die Menschenrechte bzw. auf den Koran berufen. Wer ernsthaft daran interessiert
ist, dem prognostizierten clash of civilizations entgegenzusteuern, wird sich von einer seit dem Kolonialzeitalter
tradierten Haltung verabschieden müssen, die die ökonomische und machtpolitische Dominanz der westlichen
Industriestaaten mit kultureller Überlegenheit gleichsetzt und die historische Entwicklung Europas mit der Evolution
der Menschheit verwechselt. Auch von hiesigen WissenschaftlerInnen wird mittlerweile die postulierte Universalität
der Menschenrechte zur Debatte gestellt, z.B. von Franz Nuscheler (Duisburg). Nach seiner Überzeugung ist
diskursethische Konsensfindung nur durch Anerkennung der kulturellen Differenz möglich. Massoumeh Ebtekar könnte für einen auf derartigen Prämissen basierenden Dialog die richtige Gesprächspartnerin sein.
|