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Katholische Akademie Trier Juni 2001
DAVO 2000
DAVO 1997 ISLAM IN DEUTSCHLAND

Islam in Deutschland. Zukunftschancen unserer politischen Kultur. Gemeinsame Tagung des Kulturwissenschaftlichen Instituts und des Zentrums für Türkeistudien. 28. - 29. Mai 1998

(von einer, die auszog, etwas über die politische Kultur in Deutschland zu erfahren)

 

In insgesamt sieben Themenblöcken und zwei öffentlichen Veranstaltungen wurde über die Situation der Muslime in westlichen Gesellschaften diskutiert. Viele ExpertInnen und islam-kritische Muslime sowie wenige Vertreter islamischer Positionen debattierten über die Kompatibilität des Islam mit dem Grundgesetz, die Frage nach der nationalen Identität in Deutschland, den Islam im europäischen Vergleich, die Bedeutung der Religion im säkularen Rechtsstaat, islamischen Religionsunterricht, die Lage des Islam in Deutschland und die Positionen politischer Parteien zum Islam. Öffentlichkeitswirksam hielt Ignatz Bubis einen Vortrag zum interreligiösen Zusammenleben in Deutschland; am gleichen Abend fand eine Podiumsveranstaltung zum Titel der Tagung statt.

Was konnte man von der Tagung mit nach Hause nehmen? Wo ist die Diskussion vorangekommen?

Tatsächlich ließ die Tagung auf mehr hoffen, als dann tatsächlich stattfand. Ein hochgestecktes und aktuelles Thema hätte zu einer fruchtbaren Begegnung und Auseinandersetzung zwischen Eingeborenen und Zugewanderten, Vertretern christlich-abendländischer Positionen und Muslimen werden können, wobei Fragen wie die nach den Rahmenbedingungen für die Integration in die deutsche Gesellschaft, Möglichkeiten der Gleichstellung verschiedener Religionsgemeinschaften im säkularen Rechtsstaat, die Vielfalt des Islam in Deutschland intensiv hätten diskutiert werden können. Statt aber das Gespräch mit dem Islam in Deutschland, mit muslimischen Positionen in unserer Gesellschaft zu suchen, fanden sich in den zahlreichen Themenblöcken lediglich zwei ausgewiesene Vertreter islamischer Organisationen: Ibrahim Cavdar (VIKZ) durfte sich zu "Islam und Grundgesetz" äußern, Wolf Aries (Zentralarchiv Islam) gab eine Stellungnahme zur "Bedeutung der Religion im säkularen Rechtsstaat" ab. An der Abendveranstaltung nahm Mehmet Erbakan (IGMG) teil. Ansonsten wurde eher über den Islam verhandelt, in der Mehrzahl von ExpertInnen, von bekanntermaßen islam-kritischen Positionen aus.

Zum Xten Mal wurde z.B. der islamische Religionsunterricht erörtert, wobei das Referat von Klaus Gebauer (Landesinstitut Soest) sowie die Stellungnahmen von Petra Kappert (Uni HH) und Tayfun Keltek (LAGA NRW) nichts anderes erwarten ließen, als das Festhalten an irgendeiner Lösung, nur ohne Beteiligung der in Deutschland lebenden Muslime und ihrer Verbände. Auch hier wurde eine Chance vertan, den Islam als Teil dieser deutschen Gesellschaft zu akzeptieren und dies in die Forderung nach einer entsprechenden Praxis einmünden zu lassen - nichts anderes ist die längst überfällige Einführung eines islamischen deutschsprachigen Religionsunterrichts als ordentliches Schulfach im Einvernehmen mit der islamischen Religionsgemeinschaft. Gerade dieser Themenblock machte deutlich, woran die Debatte über den Islam in Deutschland krankt: zwar ist der Islam im Zuge der Arbeitsmigration zu uns gekommen, zunächst als "Gastarbeiterreligion", mit dem Image einer vorübergehenden Präsenz und überwiegend - an deutschem Standard gemessen - rückständigen Modellen der Lebensgestaltung. Die inzwischen drittstärkste Religionsgemeinschaft in Deutschland aber als Teil der deutschen (politischen) Kultur zu verstehen, entsprechend anzuerkennen, rechtlich gleichzustellen und nicht zuletzt in gesellschaftliche Auseinandersetzungen mit ebenbürtigen Positionen einzubeziehen, scheint die Eingeborenen sowie auch die islam-kritischen Muslime (die in Deutschland besonders gerne als "Anwälte" islamischer Positionen mitmischen dürfen) zu überfordern. So wurde islamischer Religionsunterricht weiterhin favorisiert in nationalitätenspezifischen Unterrichtsgruppen in der jeweiligen Muttersprache (bes. von Petra Kappert) - ein Modell, das z.B. deutschen/deutschsprachigen Muslimen keine Chance auf gleichberechtigte Unterrichtung bietet, und die in der Realität längst aufgeweichte Rückkehroption der "Gastarbeiter" weiter hoffnungsvoll vertritt.

Der Themenblock "Islam in Deutschland" wiederum wartete mit der neuen "Expertin" Ursula Spuler-Stegemann auf, die ihre vielfältigen Bedenken gegen islamische Organisationen und eine sich allmählich durchsetzende islamische Parallelgesellschaft ausbreiten durfte, sekundiert von Bassam Tibi, der seine Vision eines "Euroislam" als integrative westlich-kompatibel zurechtgestutzte Variante des Islam zum wiederholten Male vorstellte. Am Ende dieses Blockes, den der Journalist Ahmed Senyurt zudem dazu nutzte, um von den Aktivitäten extremistischer Muslime gegen Ahmadis zu berichten (wohl gedacht als Beispiel für die von organisierten Muslimen ausgehenden Gefahren; anders kann man die Gestaltung dieses Themenbereiches kaum nachvollziehen), stand der Eindruck, jedes Festhalten an genuin islamischen Positionen, die nicht dem von westlich-abendländischer Seite gesetzten Rahmen für Religiösität, Integrationskriterien und deutsche Identität entsprechen, könne von der Mehrheitsgesellschaft nur als gefähliche Abweichung vom gesellschaftlichen Konsens interpretiert werden.

Auch der die Tagung abschließende Block "Die politischen Parteien und der Islam" mit Vertretern aus CDU, SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen brachte keine Überraschungen. Zur Lösung der Islam-Frage (Wie halten wir ihn klein und unter Kontrolle? Wann hört das endlich auf? Nach wievielen Generationen siegt endlich die Moderne? Wie kriegen wir sie integriert nach unseren Vorstellungen? etc.), möglichst unter Ausschluß praktizierender Muslime, können wir gespannt sein auf noch einmal soviele Fachtagungen, Seminare, Vorträge, von denen die wenigsten einen konstruktiven Beitrag liefern, um das interkulturelle/interreligiöse Miteinander zu erleichtern, bisherige in unserer Gesellschaft einseitig festgelegte Integrationskriterien zu hinterfragen, Modelle für die ebenbürtige Partizipation von BürgerInnen unterschiedlichen kulturellen/religiösen Hintergrunds in der Einwanderungsgesellschaft zu entwickeln usw.

Zu den Lichtblicken der Tagung gehörte jedoch neben einem kompetenten Vortrag von Heiner Bielefeldt (Uni Bielefeld) zur Religion im Rechtsstaat das erfrischende Referat von Pandeli Glavanis (Manchester)  zum "Islam im europäischen Vergleich".Glavanis will die Zuwanderung und ihre Folgen in erster Linie als europäisches Problem und nicht als Immigrantenproblem verstanden wissen und stellte die provozierende Frage: "Is modernity a copyright of europe?". Das bisherige Verständnis von europäischer Identität schließe den Islam aus und lege (praktizierende) Muslime auf einen außereuropäischen Status fest. Demgegenüber stellt Glavanis das Vorhandensein vieler europäischer Identitäten fest, und macht die Gemeinsamkeiten in der EU nicht an der Einhaltung von westlichen Normen zur Lebensgestaltung und Glaubenspraxis fest, sondern eher an formellen Symbolen der europäischen Einheit (gleicher Paß/Führerschein).

Die anschließende Diskussion, zielstrebig und kompetent moderiert von Gerdien Jonke (Zentrum Moderner Orient), mündete in die Frage, warum Muslime ständig ihre Unschuld, ihre Kompatibilität mit unserem System beweisen müßten, wobei der Ausgangspunkt der Tagung wieder erreicht war: Islam in Deutschland - welchen ort hat der Islam in Deutschland? Bleibt er? Mit wieviel Islam können wir leben? Wie muß der Islam aussehen, damit wir mit ihm leben können?

Im Verlauf der Referate, Stellungnahmen und Diskussionsbeiträge wurde deutlich, daß es beim Thema Islam eben nicht nur um den Islam allein geht. Zwar wird viel über das Feindbild Islam geredet, über "Fundamentalismus", gefährliche Parallelgesellschaften usw. Auf einer tieferen Ebene wird aber ganz allgemein die Rolle von Religion/Glauben in unserer Gesellschaft verhandelt: Mit wieviel Religion können wir leben? Und es drängt sich der Eindruck auf, daß die langjährige und inzwischen auf Dauer angelegte Präsenz von (praktizierenden) Muslimen in unserer Gesellschaft eine Debatte (re-)aktiviert, die man abgeschlossen/überwunden glaubte, schienen doch Aufklärungs- und Säkularisierungsprozesse weitgehend abgeschlossen und irreversibel. Diese Art von Tagungen tragen trotz einzelner "Lichtblicke" kaum dazu bei, daß sich der Islam in Deutschland zuhause fühlen kann. Die diskutierten "Zukunftschancen unserer politischen Kultur" können jedoch nicht allen Ernstes darin liegen, einen Teil unserer Gesellschaft weiterhin auszugrenzen bzw. weiterhin einseitig die Spielregeln für das gesellschaftliche, kulturelle, politische Miteinander festzulegen, auch wenn die Mehrheit der Diskutanten dieser Tagung unseren way of life für so unreflektiert "normal" hält, daß eine Infragestellung bisheriger Spielregeln außerhalb ihres Vorstellungsvermögens steht.(MW)

 

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