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Kongressbericht:
Vom 4. bis 6. 12.1997 fand in Hamburg der vierte wissenschaftliche Kongreß der DAVO (Deutsche Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient) statt. Das Generalthema lautete "Vernetzung:
lokal, regional, global". In drei parallel laufenden Veranstaltungsreihen wurde von etwa 200 TeilnehmerInnen über
- Vernetzung in islamischen Gesellschaften (Theorie, Institutionen, Recht und politische Ordnungen, Biographien, Vernetzung in der Diaspora, soziale Bewegungen usw.)
- Massenmedien und Kommunikation
- Muslimische Erfahrungen historischer Zäsuren im 20. Jahrhundert
- Wirtschaftliche Netzwerke im Vorderen Orient
- Zivilgesellschaft und Transformationsprozesse
- Gesellschaften im Krieg und nach dem Krieg
- Nahost-Friedensprozeß und nahöstliche Wirtschaftsprobleme
und vieles mehr referiert und diskutiert.
Wie immer bei derartigen Kongressen, war das Programm überladen und die Zeit für Diskussionen und informelle Gespräche viel zu kurz bemessen. Immerhin war es möglich, einige Debatten und
Forschungsprojekte kennenzulernen, z.B. hinsichtlich der Geschichte der deutsch-ägyptischen Beziehungen. Als erfreulich sachlich und gängigen Klischeebildern vom repressiven "Mullah-Staat"
widersprechend erwiesen sich mehrere Beiträge über den Iran. Ebenfalls mehrere Referate beschäftigten sich mit dem Islam im Internet (z.B. islamisches Recht). Einen Austausch mit Muslimen scheint es
allerdings bisher selten zu geben. Auch wenn ein Referent, der sich über "Cybermuslims und Äthermoscheen - Islamisches im Internet" lustig machte, dafür kaum in Frage kommen dürfte, gibt es
doch manches, was auch für MuslimInnen von Interesse sein könnte und wo sich die Kontaktaufnahmen lohnen könnte.
Eine Abendveranstaltung war dem Thema "Zum Stellenwert des Films in den Orientwissenschaften" gewidmet. Als Referentin war Helga Harb-Anschütz (Journalistin und ehemalige Direktorin eines
Goethe-Instituts) eingeladen, die - zusammen mit ihrem Mann, einem Libanesen - im "Nahen Osten" zahlreiche Filme für das Fernsehen gedreht hat. Einen dieser Filme - über die Situation in
Algerien 1991 - hatte sie ausgewählt, um zu zeigen, daß es möglich ist, auf diese Weise den Zuschauern "objektive" Informationen zu vermitteln. Tatsächlich erwies sich der Beitrag als
schockierende Anhäufung von anti-islamischen Klischeebildern. Und in der anschließenden Diskussion wurde deutlich, wie stark derartige Filme durch das (vermutete) Interesse deutscher Fernsehzuschauer
vorgeprägt sind, bis hin zu wörtlich vorgegebenen Fragen durch die TV-Redaktionen. Leider war es ganz unmöglich, sich darüber mit der Autorin auseinanderzusetzen. Vielmehr sah sie sich in ihren
Bemühungen, unvoreingenommen über die Vorgänge in Algerien aufzuklären, völlig zu Unrecht angegriffen und interpretierte die aus dem Publikum geäußerte Kritik fassungslos als Verteidigung des
"Fundamentalismus".
Bei manchen Referaten zeigte sich deutlich die generelle methodologische Schwäche der deutschen Orientalistik. Noch immer sind die Forschungen stark durch die Geschichte ihrer Disziplin geprägt, die über
Jahrhunderte fast ausschließlich philologisch und historisch ausgerichtet war. So gelangten denn auch manche Beiträge der DAVO-Tagung nicht über ein deskriptives Niveau hinaus. Positiv hervorzuheben ist
allerdings das Bemühen der DAVO um interdisziplinären Austausch. Tagungen wie diese und nicht zuletzt die zweimal jährlich erscheinenenden materialreichen DAVO-Nachrichten machen die (sehr preiswerte!)
Mitgliedschaft empfehlenswert (Auskunft: Deutsches Orient-Institut, Mittelweg 150, 20148 Hamburg, Tel. 040/4132050). Praktizierende Musliminnen und Muslime nehmen an solchen Tagungen bisher kaum teil,
sondern überlassen die Debatten um das Verhältnis von Religion und Politik, über die Motive und Ziele islamischer Bewegungen/Parteien usw. den nichtmuslimischen deutschen OrientwissenschaftlerInnen und
ihren KollegInnen aus islamischen Ländern, die über den Islam aus der Position von Laizisten und Atheisten sprechen. Das spricht nicht gerade für Interesse und Engagement der muslimischen Community am
wissenschaftlichen Dialog. Entsprechend qualifizirete junge WissenschaftlerInnen gibt es inzwischen. Allerdings fehlt es an Ermutigung und materieller Unterstützung (Reisekostenzuschüsse, Stipendien
usw.), wodurch zumindest teilweise verhindert werden könnte, daß der Nachwuchs nach Abschluß des Studiums als Arbeitslose, Jobber oder Hausfrauen in der Versenkung verschwindet.
Irmgard Pinn
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