|
GMSG Jahrestagung
“Das westliche und islamische Minderheitenkonzept”
vom 26.-27. Januar 02 - Universität Kassel
Die Gesellschaft Muslimischer Sozial- und Geisteswissenschaftler (GMSG) veranstaltete ihre Jahrestagung vom 26.-27. Januar 2002 an der Universität Kassel unter der Thematik “Das
islamische und das westliche Minderheitenkonzept”. An der Tagung nahmen zahlreiche renommierte muslimische und nicht-muslimische Wissenschaftler und Fachpublikum teil. Außerdem wurde zum ersten Mal der Prof. Falaturi Friedenspreis für Diaolog und Völkerveständigung vergeben.
Dr. Murad W. Hofmann, Botschafter a.D., betonte, dass in Kenntnis des
islamischen Minderheitenstatusses, die Zugeständnisse des islamischen Rechts für religiöse Minderheiten weit über das hinausreichen, was den Muslimen im Westen zugestanden wird. Zusammenfassung des Votrages als pdf-Datei
Dr. Heiner Bielefeldt verwies darauf, dass die menschenrechtliche Begründung
der Minderheitenrechte, die konzeptionelle Überwindung partikularer Schutzmachtkonzepte bedeuten würde und durch das Recht auf Selbstorganisation und Selbstartikulation der Betroffenen der Ausbildung
autoritärer ”Leitkulturen” vorgebeugt würde. Zusammenfasssung des Vortrages als doc-Datei
In seinem Referat über das Schächt-Urteil des Bundesverfassungsgerichtes machte
Norbert Müller, Vorsitzender der GMSG, deutlich, dass die Frage des Islams in Deutschland keine Rechtsfrage ist, sondern inwieweit Muslime und eine islamische
Lebensweise als gleichberechtigter Teil einer pluralistischen Gesellschaft akzeptiert würden.Das Schächten ist nämlich nicht – wie nur zu oft suggeriert wird – ein für die
deutsche Gesellschaft fremder Ritus, der erst durch die Einwanderung von Muslimen hierher gebracht wurde: Es hat eine jüdische Minderheit gegeben, die seit jeher geschächtet hat. Zusammenfassung des Vortrages als pdf-Datei.
Im weiteren Verlauf der Tagung wurden Fallbeispiele aus Geschichte und Gegenwart vorgestellt:
Dr. Amina Richter: “Bosnien – Gemeinschaft der Weltreligionen”:
In der westlichen Geschichtsschreibung erfahren wir von einer gewaltsamen Eroberung Bosniens und anderer Teile des ehemaligen Jugoslawien durch die
Osmanen nach der berühmten Schlacht am Amselfeld 1389, die über Jahrhunderte hinweg die politische Weltordnung verändern sollte. Die
Geschichte des Islam in Bosnien begann jedoch viel früher und verlief auf andere Art als sie in den meisten heutigen Geschichtsbüchern dargestellt wird. Zusammenfassung des Vortrages als pdf-Datei.
Amir Zaidan: “Integrative Aspekte des islamischen
Religionsunterrichtes” :
Für die muslimischen Kinder in Deutschland ist die religiöse Identitätsfindung bisher nur unter erschwerten Bedingungen bzw. überhaupt nicht möglich. Hier
kann und soll der IRU als Regelfach gemäß des Bildungs- und Erziehungsauftrags der Schule eine wichtige Hilfe bieten.Zusammenfassung des Vortages als pdf-Datei
Bülent Ucar: “Das Milletsystem im Osmanischen Reich”:
Das Milletsystem im Osmanischen Reich hat letzlich den inneren Frieden zwischen den verschiedenen Religionen und Ethnien in einem Staat, der über
600 Jahre lang über drei Kontinente hin existiert hat, aufrechterhalten können. Allein die Tatsache, daß nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches der Nahe
Osten sich zu einem Pulverfaß entwickelt hat, zeigt die aktuelle Brisanz des Themas. Zusamenfassung
des Vortrages als pdf-Datei<
Kirsten Wiese: “Das Kreuz mit dem Kopftuch. Muslimische Lehrerinnen mit
Kopftuch nach deutschem Recht”
Dürfen muslimische Lehrerinnen mit Kopftuch nach deutschem Recht an öffentlichen Schulen unterrichten? Dieser Frage wird in dem Vortrag nachgegangen. Lehrerinnen
mit Kopftuch sind von den Verwaltungsgerichten in Deutschland bislang unterschiedlich beurteilt worden. Das Tuch auf dem Kopf der muslimischen
Lehramtsanwärterin Ludin hat einen Streit entfacht über Religionsfreiheit, Neutralität und Toleranz im öffentlichen Dienst. Dieser rechtliche Konflikt wird ausgetragen auf dem Boden einer
sich zunehmend ethnisch und religiös pluralisierenden bundesdeutschen Gesellschaft. Zusammenfassung des Vortrages als pdf-Datei
Dr. Mustafa Gencer: “Nationale Bildungspolitik, Modernisierung und kulturelle Interaktion
in den Beziehungen zwischen den Jungtürken und dem Deutschen Reich”:
Aus den Kreisen der Studenten, Intellektuellen und Offiziere formierte sich in den 1890er Jahren zunächst in Konstantinopel und dann im (europäischen) Exil
eine Oppositionsbewegung gegen das autokratische Regime Abdülhamids II. (1876-1909). Die Oppositionellen nannten sich später ”Jungtürken”. Die gemeinsame Zielsetzung der
Opposition war, die ”orientalische Despotie” zu beenden und die Erneuerung des Landes voranzutreiben. Zusammenfassung des Vortrages als pdf-Datei
Dr. Ahmad Khalifa, Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft in
Deutschland (IGD), zur psychosozialen Situation der Muslime in Deutschland.
Dr. Ahmad erläuterter die Beratungsaktivitäten des Islamischen Zentrums München im Bereich innerfamiliäre Konflikte. wie er mit seinem ehrenamtlich
tätigen Team Musliminnen hilft, ihre Männer von patriarchalischen und diskriminierenden Denkweisen abzubringen. Oft müsse er dabei auch gegen
islamistische Imame kämpfen. "Wir müssen mehr islamische Beratungsstellen gründen", forderte al-Khalifa. Wie stark der Bedarf sei, zeigt allein die Situation in München.
Dr. Mehmet S. Erbakan: Neurotische Wahrnehmungen des Islams und der
Muslime in Deutschland
Der letzte Referent der Tagung war Dr. Mehmet Erbakan, Vorsitzender der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG). In seinem Beitrag ging er
insbesondere auf die falsche und zu Teil neurotische Wahrnehmung von Muslimen und islamischen Aktivitäten in Deutschland am Beispiel der Einwanderungskampange seines Verbandes ein.
|