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Die Formen muslimischen Lebens
GMSG-Jahrestagung widmet sich der Frage der Lebensform und Selbstorganisation
 

Zwischen Konflikt und Anpassung - diesem Motto war die Jahrestagung der Gesellschaft muslimischer Geisteswissenschaftler (GMSG) gewidmet, die dieses Jahr vom 17. bis zum 18. Januar im „Philosophenturm“ der Universität Hamburg stattgefunden hat. Zum knapp gehaltenen Marathon aus Referaten, Arbeitsgruppen und Diskussionen kamen rund hundert Zuhörer und Teilnehmer in die universitären Räumlichkeiten. Begonnen wurde das Wochenende durch die einleitenden Worte des GMSG-Vorsitzenden, Norbert Müller, und der Gastgeberin, Prof. Dr. Ursula Neumann vom Institut für interkulturell vergleichende Erziehungswissenschaft, sowie durch die Preisverleihung des diesjährigen „Prof. Abdoldjavad Falaturi Friedenspreises für Dialog und Toleranz“ an den Kulturanthropologen Prof. Dr. Werner Schiffauer (Universität Frankfurt/Oder) für dessen Forschungsarbeit zum Islam in Europa

 Prof. Dr. Schiffauer leitete die Reihe der Referate mit seinem Vortrag zum Islam in Europa „Vom Exil zur Diaspora“ ein, in dem er die aktuelle Formierung muslimischen Lebens skizzenhaft nachzeichnete. Anhand des Islam türkischer Migranten verwies Schiffauer auf die größer werdende Polarität und Ausdifferenzierung der unterschiedlichen muslimischen Auffassungen. Inmitten einer „individualistischen Distanz“ auf der einen Seite und einer „Radikalopposition“ auf der anderen, werde es für die von Schiffauer als „Differenzpolitik“ bezeichnete Position,die einen Mittelweg einschlage, immer schwieriger, sich zu behaupten. Im Anschluss daran sprach GMSG-Vorstandsmitglied Ibrahim El-Zayat über den aktuellen Status des Islam in Europa und setzte sich, ausgehend von der historischen Begegnung Europas mit dem Islam, mit den heutigen Problemen und Herausforderungen auseinander, die in dieser Frage geborgen sind. Insbesondere verwiesen El-Zayat und die anderen Referenten darauf, dass die Muslime nicht nur vor praktischen und politischen Herausforderungen stünden, wie dies vor allen Dingen nach dem 11. September 2001 deutlich geworden sei, sondern auch vor der Aufgabe, Zielvorstellungen zu bestimmen.

Diese Grundfrage nach der rechtlichen Möglichkeit muslimischer Lebensformen wurde von dem nachfolgenden Podium gestellt. Dabei wurden drei Aspekte behandelt. Den Anfang machte der Münsteraner Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Janbernd Oebecke, der über die Rechtslage des Islam in Deutschland nach dem jüngsten Kopftuchurteil referierte. Er machte dabei deutlich, dass die anstehenden Gesetzesregelungen der Bundesländer zu einem Kopftuchverbot im Öffentlichen Dienst durchaus nicht aus dem Karlsruher Kopftuchurteil abzuleiten sind. Ebenso zeigte er auf, wie ein rechtsstaatlich akzeptabler Umgang mit dem Islam in Deutschland auszusehen habe. Sich dieser Frage von einem innermuslimischen Blickwinkel annähernd, sprach Norbert Müller über die Anforderungen an die muslimischen Gemeinden nicht nur in Folge des Kopftuchurteils, sondern auch eines etwaigen islamischen Religionsunterrichts an deutschen Schulen und des Schlachtens nach islamischen Regeln. Dabei machte er deutlich, dass die alten, ethnischen und ideologischen Organisationen eines migrantischen Islam, der auf die Heimatländer orientiert sei, nicht ausreichten, um die rechtlichen Herausforderungen einer muslimischen Anwesenheit in Deutschland dauerhaft zu regeln. Die „Islamischen Gemeinden in Deutschland im rechtlichen Strukturwandel“ stünden vor einem großen Wandlungsdruck, um überlebensfähig zu sein.

Die Frage nach Muslimen und Recht beendend, sprach der Bremer Jurist und Menschenrechtsaktivist Dr. Rolf Gössner (siehe Bericht Seite 15) über die rechtliche Lage von Migranten und Muslimen zwei Jahre nach Beginn des „Anti-Terrorkampfs“. Die praktische Ausprägung einer drängenden Rechtsfrage, dem islamischen Religionsunterricht, bestimmte das abschließende Podium des ersten Tages. Dabei behandelten die Referenten Ali-Özgür Özdil (Islamisches Wissenschafts- und Bildungszentrum Hamburg) und Firouz Vladi (Schura Niedersachsen) einerseits die mit einem derartigen Religionsunterricht verbundenen rechtlichen Probleme und andererseits die organisatorischen Herausforderungen, die an die muslimischen Gemeinschaften gestellt werden. Vladi machte klar, dass schon bei dem jetzigen Schulversuch, der auf wenige Schulen beschränkt sei, Probleme deutlich würden, die bisher noch nicht gelöst worden seien. Entscheidend sei dabei die Frage nach der Organisation der Muslime und die „Sicherung der Definitionshoheit bei den Unterrichtsinhalten“.

 

Abschließend zeigte die Pädagogin Rabeya Müller (IPD, Köln), wie anhand eines Schweizer Beispiels Unterricht für muslimische Kinder aussehen kann, ohne auf moderne Unterrichtsmethoden zu verzichten. In der anschließenden Diskussion wurde auch deutlich, dass sich die Frage nach der Erziehung von muslimischen Kindern nicht nur durch rechtliche Fragen allein abhandeln lässt. Genauso wichtig waren für die Diskutierenden auch die Methodik der Wissensvermittlung, die Anwendung alternativer Erziehungsmodelle wie beispielsweise die Montessori-Pädagogik sowie der Einfluss des gemeinschaftlichen Umfeldes auf die Kinder. Der zweite Tag wurde bestimmt durch zwei weitere Panele über „Islamische Identitäten in Europa“ und „Aktuelle Forschungsarbeiten“, bei denen aktuelle Arbeiten vorgestellt wurden, sowie der anschließenden, offenen Mitgliederversammlung der GMSG. Hervorzuheben waren hier insbesondere die Analysen von Dr. Christoph Schuhmann über arabisch-amerikanische und türkisch-deutsche Periodika und von Muhammad Kalisch über die Geschichte und Entwicklungsmöglichkeiten im islamischen Denken. Bei aller, auch offen ausgetragenen, Differenz der teilnehmenden Redner wurde in Hamburg deutlich, dass die in Deutschland lebenden Muslime - und nicht zuletzt ihre Organisationen - nicht nur vor den Herausforderungen zeitgemäßer Strukturen stehen, sondern auch vor der Aufgabe, im muslimischen Diskurs Ziele zu definieren. Nur wer heute noch Ziele und Inhalte für die Muslime bestimmen kann, hat eine wirkliche Chance, im Diskurs

 

Dieser Artikel ist entnommen aus der “Islamische Zeitung”, 83. Ausgabe, Februar 2004

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