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GMSG Jahrestagung Januar 2001

Vom 27. auf den 28. Januar 2001 veranstaltete die GMSG (Gesellschaft Muslimischer Sozial- und Geisteswissenschaftler) in Kassel ihre 1. Jahrestagung. An der Tagung nahmen über 80 Personen aus dem Bundesgebiet teil. Das Generalthema der Veranstaltung lautete: ”Aktuelle Forschungsarbeiten muslimischer Sozial- und GeisteswissenschaftlerInnen in Deutschland”

Vorrangiges Ziel der Veranstaltung war es, einen generellen Überblick über das wissenschaftliche Betätigungsfeld von muslimischen Akademikern und Nachwuchskräften zu geben.

Das Thema der Veranstaltung wurde so gewählt, daß Themen aus den verschiedensten Bereichen berücksichtigt werden konnten. Neben den Vorträgen sollten die Teilnehmer in den Pausen die Gelegenheit haben, die Themen und Ihre Arbeit weiterzudiskutieren, sich näher kennenzulernen und sich am Bücherstand über neue Literatur zu informieren.

Eröffnet wurde die Veranstaltung durch Prof. Horst Heinemann von der Theologischen Abteilung der GhS. Kassel und Norbert Müller, dem Vorsitzenden der GMSG. Eine kurze Begrüßungsansprache hielt Dr. Anas al-Shaikh Ali von der IITT (International Institut for Islamic Thought) in England.

In der ersten Sitzung sprach Prof. Fuad Kandil, Dozent für Soziologie, über den “Toleranzbegriff und seine Anwendbarkeit”. Der Vortrag befßte sich mit Definition und Inhalt des Toleranzbegriffs.

Dr. Edin Sarcevic, Privatdozent an der Juristenfakultät in Leipzig, hielt einen Vortrag über die “Religionsfreiheit und den Streit um den Ruf des Muezzins”. Der Vortrag, der zu einer intensiven Diskussion führte, ging der Frage nach, inwieweit die Muslime in Deutschland auf diesem Gebiet die Garantie der Religionsfreiheit in Anspruch nehmen können und bot Orientierungspunkte für den juristischen Umgang mit den einfachgesetzlichen Einschränkungen eines ohne Schrankenvorbehalte gewährleisteten Grundrechts. Edin Sarcevic: “Sie (die Öffentlichkeit) muss den Kultus der Religionsgemeinschaften, also den muslimischen Gebetsruf dulden, auch dann, wenn Teile der Bevölkerung der Religion ablehnend gegenüber stehen.”

Wolf Ahmed Aries, Vorstandsmitglied der GMSG und Lehrbeauftragter an den Unis in Paderborn und Kassel, hielt anschließend einen Vortag über den Diskurs "Zivilreligion in modernen Gesellschaften". “Ein wesentlicher Aspekt in diesem aufkeimenden Diskurs ist der Umstand, daß die Minderheiten auch in demokratisch, verfaßten multireligiösen Gesamtgesellschaften nie mehrheitsfähig sind bzw. sein werden. Dies bedeutet, daß minderheitliche Formen der Kontingenzbewältigung, des besonderen Umganges bedürfen, um diskursoffen bleiben zu können, wenn sie in einen wie immer gearteten Ausschließungsanspruch geraten, so werden sie sich als ausdrückliche Gegenwelten etablieren müssen.”

Nach einer Pause hielt Dr. S. Ibrahim Rüschoff einen Vortrag über die “Situation der psychosozialen Versorgung der Muslime in Deutschland”. Rüschoff begreift die psychosoziale Beratung auch als Gottesdienst: “Ein psychosoziales Versorgungsangebot soll nun den Menschen helfen, ihre Lebensweise auf ihre religiösen Grundlagen (Koran und Sunna) hin zu befragen und davon kulturelle Bestandteile zu unterscheiden. So verstanden leistet eine islamische Beratung eine äußerst wichtige Hilfestellung bei der gesellschaftlichen Integration von Muslimen.” Er plädierte dafür, die Hodschas und Imame, die oftmals erste Anlaufstelle von Muslimen sind, ausreichen zu qualifizieren.

Auch der Vortrag von Dr. Murad Hofmann stieß auf reges Interesse. In seinem Vortag ”Islam und Globalisierung” betonte er, daß Globalisierung keine Einbahnstraße ist, sondern auch eine gegenseitige Beeinflussung bedeutet. Er wies auf den Umstand hin, daß erstmals “in der Weltgeschichte (die Globalisierung) nicht nur Wissen und Fähigkeiten, sondern eine komplette Weltanschauung (transportiert): den agnostisch-atheistischen Materialismus der postmodernen westlichen Welt”.

Er plädierte dafür, daß die Muslime die Schlacht um die Herzen und Gehirne nur dann gewinnen können, “wenn sie ihre Religion nicht apolegetisch und reaktiv, sondern proraktiv vertreten: als Beitrag zur Rettung der westlichen Zivilisation vor sich selbst.”

Zwei islamologische Themen standen am Abend zur Debatte. Der angehende Islamwissenschaftler Bülent Ucar trug über “Die Korrelation zwischen den islamischen Rechtsbestimmungen und den sozialen Rahmenbedingungen” vor. Hauptaugenmerk des Vortrages war die Thematik des Igtihad (Idschtihad). Ucar: “Die kritische Frage nach der tatsächlichen Annahme und Praktizierung dieses Ansatzes seitens der Rechtsgelehrten ist grundsätzlich zwar eine berechtigte Anmerkung, soll uns aber nicht davon abhalten, festzuhalten, daß trotz der engen, konservativen Betrachtung des Rechts in Anlehnung an die Vorgänger die Gelehrten auf einer theoretischen Ebene Abweichungen immer für legitim bewerteten und partiell sie auch selbst durchgesetzt haben.” Anschließend führte Ucar einige Beispiele aus der Frühzeit des Islams auf. In der Diskussion wurde insbesondere angemerkt, daß es einer Begriffsdefinition des Terminus Idschtihad und einer ausgereiften Methodik bedarf.

Das zweite islamologische Referat wurde von Abdurrahman Reidegeld abgehalten. Das Thema lautete “Die Ibadiya . ein Madhhab als historische, theologische und politische Größe”. Abdurrahman Reidegeld ging insbesondere auf die historische Entwicklung, dieser hauptsächlich in Oman und zum Teil in Algerien und Lybien verbreiteten Rechtsschule ein. Stark geprägt ist die Ibadiya um die Auseinandersetzung um das Khalifat des vierten rechtgeleiteten Khalifen, Ali. Reigedegeld forderte eine Neubewertung der Ibadiya, rief die muslimischen Islamwissenschaftler auf, einen ernsthaften geisteswissenschaftlichen Ansatz in dieser Thematik zu leisten.

In der Diskussion wurde insbesondere ein stärkerer Praxisbezug diesen Themas eingefordert.

Nach den Vorträgen fand die Mitgliederversammlung der GMSG statt. Anschließend fanden  Teilnehmer und Referenten die Möglichkeit bei einem Essen in einer nahegelegenen Moschee des Verbandes VIKZ sich kennenzulernen und die Themen intensiver zu erörtern.

Am Sonntag, dem 28. Januar wurde die Jahrestagung in den gleichen Räumlichkeiten weitergeführt.

Den ersten Referent dieses Podiums hielt Omar Samadzade. Sein Vortrag widmete sich den “Ethischen Gesichtspunkten von Organtransplantationen und Hirntod aus islamischer Sicht für die muslimische Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland.” Samadzade betonte, daß es aus medizinsicher Sicht einer Klärung der Frage bezüglich Organspenden von Muslimen bedarf, “zumal in hiesigen Gesellschaften, im speziellen der bundesrepublikanischen, ein dringender Bedarf an Organspendern besteht und die gesellschaftliche Spendenbereitschaft bei weitem die Not vieler potentieller Empfänger nicht befriedigend zu lösen vermag.”

Der zweite Referent dieser Reihe war Ayyub Mühlbauer. Sein Thema lautete: “Jugend und Alter in der nachchristlichen Gesellschaft Europas”. Insbesondere ging er hierbei auf die Methode der Phänomenologie ein: “Die Grundannahme ist, daß Wissenschaft, die so oder so betrieben wird, im Kern aus der menschlichen Lebenswelt hervorgegangen ist, aber durchaus auch anders hätte aus ihr hervorgehen können. Die Phänomenologie versucht also diese rudimentären Alltagserfahrungen sichtbar zu machen und den Boden oder das Fundament des Hauses zu beschreiben, auf dem Wissenschaft ruht.”

Anschließend hielt Muhammed Abdul Aziz aus England einen Vortrag über die Schwesterorganisation der GMSG in England, die AMSS (Association of Muslim Social Scientists). Des weiteren stellte er die Aktion Fair vor (Forum Against Islamophobia and Racism). Fair hat sich zum Ziel gesetzt, gegen das negative Islambild in der britischen Gesellschaft anzukämpfen (Islamophobia), gegen Diskriminierungen von Muslimen vorzugehen und koordinierend zwischen Personen und Institutionen verschiedenen Glaubens und Rassen zu wirken.

Ein weiterer Gast aus England war Dr. Anas al-Shaikh Ali, vom IIIT in England. Insbesondere ging er hierbei auf das Islamverständnis im Westen ein. Außerdem setzte er sich auch kritisch mit Aktivitäten von Muslimen in europäischen Gesellschaften auseinander; u.a. betonte er, daß es nicht ausreiche bzw. es falsch wäre, einfach Bücher aus den orientalischen Sprachen ins Englische zu übersetzen und damit Da’wa zu machen bzw. eine islamische Identität in westlichen Gesellschaften aufzubauen.

Anschließend trug Metin Ilhan sein Referat über “Ali Bey Hüseyinzade (1864-1940) und sein Beitrag zur aserbaidschanischen Nationalbewegung” vor: “Das postsowjetische Aserbaidschan" betrachtet Hüseyinzade als einen “vergessenen Sohn des Vaterlandes und als einen Wegbereiter der aserbaidschanischen Nationalbewegung. In seiner Person zeigt sich das Phänomen von multipler Identität, dessen Brisanz auch für das unabhängige Aserbaidschan weiterhin aktuell ist”. In der anschließenden Diskussion wurde über das ambivalente Verhältnis von Umma-Gedanken (islamische Weltgemeinschaft) und nationalem Denken debattiert. Ein Teil der Teilnehmer vertrat die Meinung, daß die Muslime verpflichtet sind, in internationalen Dimensionen zu denken. Eine andere Gruppe von Zuhörern betonte, daß ein solches Konzept zu einfach wäre und nationale Gepflogenheiten, Bräuche und Sitten das islamischen Bewußtsein der Muslime prägten.

Seinen Abschluß fand die Veranstaltung mit einem gemeinsamen Mittagessen in einer nahegelegenen Moschee.

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