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Morgenland und Abendland
Annmarie Schimmel
Verlag C.H. Beck, München, 20002
Autobiografie einer großen Lehrerin
Anmerkungen von Dr. Murad Wilfried Hofmann zu der jüngst erschienenen Autobiografie von Annemarie Schimmel „Morgenland und Abendland“
Seitdem Edward Said zwar gut begründet, aber leider viel zu pauschal allen Orientalisten wissenschaftliche Objektivität abzusprechen begann, scheint verdrängt zu werden, welch
unersetzlichen Beitrag zur Erforschung des Islam und seinem emphatischen Verständnis gleichwohl von einer bedeutenden Anzahl westlicher lslamologen geleistet worden ist. Said tat nicht nur
großen zeitgenössischen Amerikanern wie Marshall G. Hodgson und Wilfred Cantwell Smith Unrecht, sondern auch großen Franzosen (darunter Louis Massignon, Henry Corbin, Louis Gardet,
Daniel Gimaret, Henri Laoust) und großen Briten (darunter Sir Hamilton Gibb und William Montgomery Watt).
Am ausgeprägtesten war und ist dies bei Annemarie Schimmel (geb. 1922) der Fall, die in ihrer
gesamten wissenschaftichen Karriere als Kennerin des Islam und seiner Mystik vorlebte, dass man nur verstehen kann, was man auch liebt. Wer auch nur einige ihrer über 93 [sic!]
Buchveröffentlichungen (in allen möglichen Sprachen) gelesen hat, kennt Professor Schimmel als eine hochbegabte, leidenschaftlich wissensdurstige, ungewöhnlich couragierte, abenteuerhungrige,
hochproduktive, humorvolle und ganz uneitle Frau, aber auch als empfindsame, überaus romantische Dichterin von tiefer Naturfrömmigkeit.
Auch ihr Zugang zur islamischen Mystik ist nicht gnostisch-theosophisch (wie bei Ibn ‘Arabi,
René Guénon, Frithjof Schuon und derzeit bei Seyyed Hosein Nasr), sondern ganz und gar emotional, arational. „Schlägt nicht die Liebe den Verstand mit der Keule auf den Kopf, sodass er
dann dasitzt und Laute spielt?“ (S.130). Schimmels Bücher belegen, dass ihr Sufi-Firnament vor allem von zwei Sternen erleuchtet wird - Dschamal ad-Din Rumi und Muhammad lqbal - und dass
sowohl Friedrich Rückert wie Johann Wofgang von Goethe ihre ständigen Wegbegleiter waren: „Als der Diwan [scil. von Rumi] in meinen Händen war, geschah etwas wie ein Blitzschlag“ (S. 49)
und „als ich lqbal’s poetische persische Werke... erhielt, war es um mich geschehen“ (S. 270).
In der Tat führte ihr geistiger Weg von da an aus der Türkei, wo sie in Ankara unterrichtet hatte,
nach Indo-Pakistan (S - 119). Und Pakistan - nicht die USA, wo Schimmel 25 Jahre (1967-1992) in Harvard unterrichtete - wurde zu ihrer 2. Heimat (S. 207, 270).
Heute ist sie Ehrenbürgerin von Islamabad, und in Lahore - wo es die Avenue Yhayban-e
Annemarie Schimmel“ gibt - gibt es auch ein „Annemarie Schimmel-Stipendium“ für Studien in England. Neu war für mich hingegen die Erkenntnis, daß die Autorin zwei andere deutliche
Affinitäten entwickelt hat: zur 7er Schi’a, d.h. der neoplatonisch-gnostisch geprägten Sekte der Isma’ilija, sowie zur Sprache und Dichtung von Sindh.
Als ihr jemand gesagt hatte, dass sie diese Sprache nicht lesen könne - was für eine Herausforderung für ein Sprachgenie! - lernte Schimmel Sindhi innerhalb von sechs Monaten
(S.271). Hatte man ihr nicht schon beim Arbeitsdienst in der Nazi-Zeit gesagt: „Ein deutsches Mädchen lernt nicht Arabisch!“ (S. 42) und das Gegenteil damit erreicht?
Doch nach wie vor rätselhaft ist mir auch nach Lektüre dieser Biografie, wie ein siebenjähriges
Mädchen in der kultur-preußischen, bibelfesten, aber nicht kirchgehenden Familie eines mittleren (Post)beamten im Erfurt der späten 20er Jahre den Entschluß fassen konnte, Orientalistin zu werden,
und dies mitten im Weltkrieg verwirklichen konnte - die 1. Promotion mit 19 Jahren und die Habilitation bereits mit 23 Jahren. Dies alles unter frauenfeindlichen Akademikern.
Schimmel selbst nennt als Schlüsselerlebnisse ein mit einem indischen Weisen in Damaskus
spielendes Märchen, in dem eine Sarginschrift aussagt, dass „die Menschen schlafen, und wenn sie sterben, erwachen sie“ (S. 15). Das Schlüsselerlebnis erklärt vielleicht den Rest, aber was erklärt den
Blitzeffekt des Erlebnisses, die Vorprägung dafür?
Seefahrer“erbe“ (mütterlicherseits) - gibt es das überhaupt?
Schimmel ist Ehrenmitglied des Beirats des Zentratrats der Muslime in Deutschland. Nicht zuletzt
deswegen glauben einige, dass sie eine Crypto-Muslima sei, wie oft sie dem auch widerspricht. Sie teilt jedenfalls nicht die Ansicht ihres Lehrers, Hans Heinrich Schaeder, dass ein guter Protestant
lediglich die Wahl habe, entweder Muslim oder Katholik zu werden (S. 48).
Auf jeden Fall betrachtet sie nach wie vor Jesus als das fleischgewordene Wort Gottes (S. 193). Im
übrigen wäre Schimmel als bekennende Muslima für den Islam gewiss weniger wirksam als bisher, da Orientalisten seltsamerweise in der Öffentlichkeit nach wie vor größere Glaubwürdigdigkeit als
Muslime genießen, wenn es um Darstellung ihres Glaubens geht.
Leser, die auf Intimitäten, also das „love life“ der Autorin, gierig sind, werden ebenfalls enttäuscht.
„Über die vielen Tränen, die Enttäuschungen, die menschlichen Probleme spricht man nicht“, schreibt die Autorin, „sie gehen niemand etwas an“ (S. 327). So bleibt die kurze Ehe in der Türkei,
von der man raunt, unerwähnt, und von ihrer ersten Liebesgeschichte erfährt man nur, dass sie „hässlich“ endete (S. 45). Auch wer politische Aussagen sucht, kommt nicht auf seine Kosten.
Immerhin schreibt Schimmel aber: „Wundert man sich, dass die amerikanische Nahostpolitik so seltsame Wege geht“ (S. 189) und läßt keinen Zweifel daran, dass ganz Kaschmir zu Pakistan gehört (S. 292).
Über Pakistan macht sie sich Sorgen als einem Land, „dessen politisches System leider immer
chaotischer zu werden scheint“ (S. 321) und in dem Muhammad lqbal stets je nach politischer Wetterlage uminterpretiert wird - als Muslim, Sozialist, Revolutionär der Sufi (S. 271). Auch scheint
sie „Pinkie“ (Benazir Bhutto) wenig zuzutrauen, hatte sie sich doch in Harvard offenbar mehr um amerikanische Geschichte und Verfassung und um Hockey als um Urdu- und Pakistan-Studien gekümmert (S. 277).
Das Buch erzählt das Nomadenleben Schimmels zunächst chronologisch, später sind es Orte und
Länder, die den Erzählrahmen auch in Rückblende abgeben. Dabei verblüfft die Detailgenauigkeit der Erinnerungen. Dies verdankt die Autorin wohl ihren täglichen dokumentarischen Briefen an ihre
Mutter und den an Weihnachten verschickten Jahresberichten.
Bei deren Lektüre konnte einem ob der pausenlosen Mobilität der Autorin ganz schwindelig
werden, und so geht es einem auch im letzten Teil der Autobiografie. Fast unglaublich, wie vielen Menschen die Wissenschaftlerin begegnete - zunächst Kollegen, später auch Diplomaten, und
schließlich Staatsoberhäuptern. Der Eindruck von „names dropping“, der Angeberei mit Beziehungen, entsteht jedoch nie. Vielmehr steigt von Seite zu Seite die Bewunderung für eine Frau,
die alles, was sie leistet, ohne Assistentin, Sekretärin, ja ohne Computer und Internet, und mit einem einzigen „still point“, nämlich ihrer Wohnung (seit 41 Jahren) in der Bonner Lenné-Straße, zustande
gebracht hat.
Im übrigen ist das Buch liebevoll nach Vorbild arabischer Biographien, darunter der „Sira“ des
Propheten, komponiert, wie denen von Ibn Ishaq/lbn Hisham und lbn Kathir. In gleicher Weise flicht Schimmel eigene und fremde Gedichte, in den Text - von J.W. Goethe über Rainer Maria Rilke
bis E.E. Cummings - und erweist sich dabei - in eigener wie in (übersetzender) Nachdichtung als Dichterin von Rang. Ein frühes Gedicht aus dem Kriegsjahr 1944 - ausgerechnet über Samarkand
findet sich auf S. 256. Später veröffentlichte Schimmel sogar englische Gedichte. Doch Schimmels Kobold bricht auch dabei immer wieder durch, mit satirischen Ghaselen und humorvollen Limericks.
Bemerkenswert sind ferner treffende Vignetten von Persönlichkeiten wie die türkische Mystikerin Samiha Avyverdi und der Schweizer Sufi-Experte Fritz Meier. Wie wortgewaltig sie dabei sein kann,
zeigt sich in ihrer Charakterisierung von Neuengländern als Inhaber von „Sandpapierseelen“ (S. 180).
Trotz allem habe ich einige Wünsche für die zweite Auflage: Zum einen würde das Buch gewinnen,
wenn ihm eine Lebens-Chronologie beigegeben würde. Zum andern setzt das Buch die Kenntnis der enormen Publikationen der Autorin voraus. Nur einmal, bei Schilderung ihres Vortrags über
Reuchlin, nimmt man auch am Inhalt ihres Wirkens bzw. ihrer Botschaft teil (S. 325). Was mir vorschwebt, wären kurze Inhaltsangaben - oder doch wenigstens Hinweise auf die Hauptprobleme
(„the gist“) ihrer jeweiligen Publikationen. Ein gutes Beispiel dafür bietet die Erörterung der Erscheinung Gottes in seinen Zeichen - in „ansteigenden Kreisen“, vom Numinosen über Sein Wort
bis zum scheinbar Banalsten (S. 307). Andernfalls reduziert sich die Lebensschilderung in weiten Teilen auf Reise-Erlebnisse.
Schließlich würden es orthodox gesinnte Muslime gewiss begrüßen, wenn Frau Schimmel nicht
jeder religiösen Kuriosität und abergläubigen Abweichung in der muslimischen Welt als einem islamischen Phänomen nachginge. Doch weiß ich, dass sie von der Schari’a so wenig hält wie von
der Normativität der Partituren von Johann Sebastian Bach, auf die sie allergisch reagiert (S. 27, 30) - wahrscheinlich aus dem gleichen Grunde: der Liebe zur Grenzenlosigkeit der Liebe.
An Korrekturen gibt es wenig vorzuschlagen:
Die große Moschee in Casablanca wurde von König Hassan II fertiggestellt, nicht von Muhammad V (S. 225).
Die Almohaden-Moschee im marokkanischen Atlasgebirge steht in Tinmel, nicht Timlan (S. 227).
Frau Schimmel bewieß in ihren jungen Jahren, dass es Wunderkinder nicht nur in Musik,
Mathematik und Schach, sondern auch in den Geisteswissenschaften gibt. Nunmehr, in ihrem 81. Lebensjahr, hält sich diese (ganz unsportliche) Frau zu Recht für ein anderes Wunder, nämlich für
„ein Beispiel für den Sieg des Geistes über den Körper“ (S. 81). Möge ihr Geist noch lange Sieger bleiben!
Entnommen aus der Islamischen Zeitung, Nr. 60, September 2002 (II)
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