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Die orientalische Stadt im islamischen Vorderasien und Nordafrika

Autor: Prof. Dr. Eugen Wirth

Verlag Philipp von Zabern, Mainz, 2000

ISBN: 3-8053-2709-9

Der Orient war, ist  und bleibt in der Vorstellungswelt des Abendlandes der Ort, wo das Unbekannte, Exotische und auch Unzugänglich-Geheimnisvolle zu Entdeckungsreisen auffordert. Und auch wenn in unserer Zeit scheinbar durch Multimedia und Datenüberflutung an Geheimnissen nicht mehr viel zurückgeblieben zu sein scheint, fällt doch immer wieder einmal ein Werk ins Auge, das diese Binsenweisheit ad absurdum führt.

Hier, bei dem vorliegenden Doppelband, ist dies der Fall: der Leser betritt die Welt der orientalischen Stadt, mit ihren Märkten, Festungen, Prunkbauten, lernt aber auch anhand der aufgezeigten Quellen viel Überraschendes kennen, bis ihm das Wesen dieses komplexen Gefüges deutlich wird.

Zu Beginn dieser geistigen Expedition bilden die üblichen Vorstellungen, die der abendländische Normalbürger von den klassischen Märkten hat, den Maßstab, mit dem er sich auf das Thema einläßt - ohne daß der außenstehende Besucher dieser ihm fremden Welt dadurch aber den Sinn und Aufbau des Marktes wüßte. Die Fragen, die sich zwangsweise daraus ergeben, werden aber in dem vorliegenden Werk erklärt - und zwar nicht nur die Besonderheiten der historischen Märkte, etwa warum bestimmte Händler näher zu Stadtgrenzen oder zur Feitagsmoschee hin ihre Läden haben, sondern auch, welche Verbindungen und Versorgungsmethoden für Markt, Häuser usw. bestehen, welche gesellschaftlichen Erfordernisse durch die Architektur wiedergespiegelt werden, kurzum: der Leser wird durch die alte und neuere Geschichte des orientalischen Städtebaus geführt, begleitet von dem umfangreichen Bildmaterial des Gesamtwerkes.

Sollte der interessierte Leser befürchten, hier entweder mit Allgemeinplätzen abgespeist oder mit wissenschaftlicher Peniblität abgeschreckt zu werden: die beiden vorliegenden Bände sind in einfacher, klarer Sprache gehalten und überzeugen zudem in jeder Hinsicht, sowohl wissenschaftlicher als auch ästhetischer.

Vor allem die klar strukturierte Gliederung des Textbandes gibt dem unvoreingenommenem Betrachter angesichts der doch erheblichen Informationsmenge die Möglichkeit, selbständig einzelne Themengebiete auszuwählen und wieder andere auszusparen, ohne dass dies der Verständlichkeit Abbruch täte.

Die Spanne der vielfältigen Aspekte, unter welchen man das Phänomen der orientalischen Stadt betrachten kann, reicht über Marktstrukturen, die sich in architektonischen, spezifischen Gliederungen niederschlagen, bis zu Untersuchungen der jeweils lokal-verschiedenen, sozialen Merkmale von orientalischen Bauformen; der Text gibt hier anschauliche Beispiele, um das Wesentliche aufzuzeigen, aber auch die Unterschiede zwischen westlichen und östlichen Bauzielen.

Der abendländische Leser tritt natürlich mit einem bestimmten Bild vor Augen an das Buch heran, genauso wie in der Regel auch der orientalische Nicht-Fachmann in städtebaulicher Geschichte idealisierte Maßstäbe anlegt.

Hinzu kommt, daß die heutigen Großstädte des Orients zwar einen historischen Bestand traditioneller Gebäude aufweisen, aber die meisten Nutzbauten - von Moscheen und Festungen abgesehen - im Durchschnitt nicht über eine Zeit von dreihundert Jahren hinausreichen. Unter diesen Umständen ist diese Buch doppelt interessant, weil es neben neuerem auch älteres Bildmaterial, Karten, Fotografien und Originaltexte einander gegenüberstellt und aus dem Vorhandenen logische Schlüsse zieht, die häufig überraschen.

Formal steht der sehr voluminöse Textband mit Schwarzweiss-Abbildungen einem etwas schmaleren Bildteil gegenüber, der auch zahlreiche Farbabbildungen neben umfangreichen nichtfarbigen Abbildungen, Grafiken, Zeichnungen, Stichen und historischen sowie modernen Fotografien enthält.

Das untersuchte geografische Gebiet erstreckt sich über die gesamte Region des sogenannten Mittleren Ostens, legt den Schwerpunkt aber auf die Verwendbarkeit des Materials hinsichtlich der jeweiligen Untersuchung, weswegen sich in der Sicht des unvoreingenommenen Betrachters Bilder und Karten aus völlig verschiedenen Weltgegenden scheinbar willkürlich gemischt aneinanderreihen.

Tatsächlich erschließen sich aber nur durch diese Vergleichsserien die Zusammenhänge dessen, was in den Textteilen erläutert werden soll; daher ist die Verwendung des Bildteils ohne gleichzeitige Textlektüre nicht sehr sinnvoll.

Die Schlussfolgerungen der in dem vorliegenden Band dargestellten Untersuchungen sind glücklicherweise gut und verständlich aufgearbeitet, erfordern aber von Lesern, die keine Vorkenntnisse besitzen, das Heranziehen des Bildteils schon während der ersten Lektüre, während entsprechend versierte Leser darauf im ersten Durchgang zunächst auch verzichten können.

Die Charakteristika eines klassischen Marktviertels, die Unterschiede zwischen westlichen und orientalischen Städten des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit, die Aufgaben von städtischem Leben, die Wiederspiegelung ganz eigener Sozialordnungen auch und gerade in architektonischen Spezialformen - all das bietet dieses Werk in beispielhafter Darstellungsform, und so kann mancher Leser sicherlich stundenlang und gespannt den Ausführungen folgen, bis ihm die orientalische Stadt ganz neu vor Augen steht.

 

Abdurrahman Reidegeld (Köln)

 

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