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Muslimsein in Europa
Autor: Tariq Ramadan
Muslime im Rechtsstaat*
Tariq Ramadan fordert von Muslimen in Europa: Werdet in euren Ländern aktive Bürger. Leider vertragen
sich nur manche religiöse Regeln und die freiheitliche Ordnung nicht. Tariq Ramadan stellt in seinem jüngsten Buch die Frage nach der muslimischen Identität neu. Denn er fordert von den in Europa lebenden
Muslimen, dass sie endlich aktive Bürger ihrer neuen Heimatländer werden sollen. Ramadan, Islamwissenschaftler an der Universität Fribourg (Schweiz) und Startheologe der französischsprachigen
Muslimgemeinde, beruft sich bei seiner Forderung ebenso auf den Koran wie auf die Scharia.
In "Muslimsein in Europa" formuliert er seine zentralen Thesen zur Situation der islamischen Gemeinden in
Europa: Sie leben in einer rechtsstaatlichen Sicherheit und in einer Freiheit, die ihnen derzeit kein von Muslimen regiertes Land bietet. Sie können die Religions- und Organisationsfreiheit nutzen, um in ihren
neuen europäischen Heimatländern dem Islam entsprechend zu leben: spirituell, sozial, politisch. Tariq Ramadan schreibt dies für seine eigene Generation, die Enkel der Auswanderer. Sie können ihre Identität
nicht einfach über die Kultur ihrer Herkunftsländer definieren. Warum sollten sie schließlich unter den korrupten Regierungen und in einer von Gewalt beherrschten Gesellschaft wie in Algerien oder Ägypten
besser nach den Regeln des Islams leben können als in der Schweiz? Und genauso wenig können sie sich weiterhin über den Gegensatz zur modernen, säkularen Umwelt definieren. Wenn es nämlich, wie Tariq
Ramadan behauptet, eine religiöse Verpflichtung für die Muslime und Musliminnen ist, überall gegen die Ungerechtigkeit zu kämpfen, in der islamischen Welt ebenso wie im Westen, dann taugt diese
Gegenüberstellung zur Identitätsstiftung nichts mehr. Ramadan kritisiert dezidiert das fehlende soziale und politische Engagement von Muslimen in ihren neuen Heimatländern, etwa für die deklassierten algerischen
Jugendlichen in Frankreichs Großstädten.
Als Theologe und geistlicher Führer fordert er eine neue Orientierung an Koran und Scharia, die nicht mehr
bloß traditionell, sondern historisch vorgeht. Daher nehmen die Textarbeit und die Analyse juristischer Begriffe in diesem Buch über das Muslimsein in Europa so viel Raum ein. Ramadans Kritik ist für die
fundamentalistischen Muslime eine Kampfansage, weil es um die Legitimation von Denken und Handeln durch die Autorität der Texte geht - sein Verfahren ähnelt dem der lateinamerikanischen Befreiungstheologie
der 80er-Jahre. Wie sie wendet er sich dem historischen Kontext der Quellen und der juristischen Begriffe zu. Dadurch ist es ihm möglich, sie aus den traditionellen Verhärtungen zu lösen - und zu aktualisieren. Nur:
Dieses Verfahren ist ohne eine offene Diskussion unter Muslimen nicht möglich. Tariq Ramadan beklagt, dass es meistens leichter sei, mit einem Christen über den Islam zu sprechen als mit einem anderen Muslim.
Ist Tariq Ramadan also ein "Theologe der Befreiung" oder, wie manchmal in der französischsprachigen
Presse zu lesen ist, ein Trojanisches Pferd der Fundamentalisten? Zweifel sind berechtigt. Immerhin enthält das Buch auch einen wohlwollenden Abschnitt über Bilderverbote und Kino. Und das Musikverbot scheint
ihm unter Umständen akzeptabel zu sein, denn er diskutiert Koranstellen, die in diesem Sinn ausgelegt werden können - um dann wiederum am Ende den Rap arabischer Jugendlicher als eigene kulturelle
Ausdrucksform zu loben. Warum er manchen Extrempositionen Platz einräumt, während er das französische Kopftuchverbot in Schulen nur in einer Fußnote erwähnt, bleibt unklar. Es ist in der Tat nicht von der Hand
zu weisen, dass es einen konservativen Subtext in Ramadans Buch gibt. Eine Diskussion seiner Positionen lohnt sich dennoch allemal.
SUSANNA KAHLEFELD
zuerst erschienen in der taz 12.3.2002
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