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Gudrun Krämer
Gottes Staat als Republik
Reflexionen zeitgenössischer Muslime zu Islam, Menschenrechten und Demokratie; Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden, 1999, Seiten 262
Unter den jüngeren Orientalistinnen und Orientalisten ist wohl die
folgende Bemerkung John Piscatoris unbestritten, daß, wenn jemand etwas über den Islam wissen wolle, er am besten darauf achte, “what they (die Muslime, d.Verf.) say as well as what they actually do.”
Gudrun Krämer tat genau dies. Sie sah und las nach, was denn arabische Muslime über die Fragen der Moderne in den letzten Jahrzehnten publizierten. Die Einschränkung auf den
arabo-islami-schen Raum mag der interessierte muslimische Leser bedauern, was Frau Krämer auch tut, aber es erweist sich während der Lektüre als außerordentlich wohltuend, denn so vermochte sie fast den
gesamten arabischen Bereich abzudecken. Die wenigen unberücksichtigten Denker werden aber namentlich genannt, so daß man weiß, wer wann unberücksichtig blieb.
Die vorliegende Arbeit betrachtet den “Islam” nicht als eine theologische Herausforderung individueller oder gesellschaftlicher
Daseinsbewältigung, sondern als histo-rische Größe. Damit gewinnt sie einen Standpunkt, von dem aus die arabische Landschaft in Ruhe geschildert werden kann. Die
Perspektive verschattet jedoch die Ansichten des Islames, in deren Aspekte die den heutigen Muslim bedrängenden Fragen von Letztem und Vorletz-tem, der Fragen des Da-Seins und seiner gläubigen
Bewältigung sichtbar werden. Gudrun Krämer theologisiert also nicht, was dem Buche bekommen ist. Hier zeigen sich die Wohlta-ten eines methodischen Atheismus. Im Gegensatz dazu neigen leider
zahlreiche Muslime dazu, politische und gesellschaftliche Fragestellungen stets mit religiös denkerischen zu verbinden, so daß die Gelassenheit historischer Reflexion nicht aufkommt. Sie ist bei
den Diskussionen über die Begriffe von ´ibadat´ und ´mu´amalat´ ebenso nötig wie bei der Herausforderung einer zeitgemäßen politischen Theorie pluraler Gesellschaften, in denen die Muslime
nicht nur als Mehrheitsgesellschaft vorausgesetzt werden, sondern auch Minderheit sind. Als europäischer Muslim kann man Gudrun Krämer nur zustimmen, wenn sie schreibt, “daß die Betonung
von Recht und Ritual zur Sklerose des Islam geführt habe, der von religiös empfindenden Menschen nicht mehr erfahren werden könne.” In Europa spricht die de facto “Saecularisation” der Jugendlichen
in allen Ländern ihre eigene Sprache. Dabei mangelt es der umma nicht an Denkern – mit und ohne religiöse Ausbildung. Nur unter den gegenwärti-gen Bedingungen kann der Diskurs in der Öffentlichkeit
nicht mit der notwendigen Offenheit geführt werden, so daß manche Stimmen untergehen bzw. andere ob des von ihnen zu verneh-menden Geschreis überrepräsentiert sind. Gleichzeitig entstand durch die
neuen Medien sowie durch die transnationalen Diskurse die Möglichkeit zu einem neuen idjma bzw. igtihad, in dem, so muß man von Europa aus betonen, die nicht-arabischen Muslime nicht nur mithö-ren
können, sondern auch zu intervenieren vermögen. Leider ist hiervon bei den von Frau Krämer zitierten Autoren nichts zu spüren.
Nichtsdestotrotz gehen Islamiyyun, konservative und liberale Denker gemeinsam der Frage nach, ob die
technologisch zivilisatorischen Fortschritte, die in Europa erreicht wurden, von der arabo-islamischen Welt übernommen werden können, ohne daß man zugleich die kultu-rellen Veränderungen mit
übernehmen muß. Hierauf gibt es bisher keine schlüssige Antwort. Übrigens auch die Küngsche Aufgabe der Suche nach einem gemeinsamen Ethos ist bisher nur bedingt gelöst worden.
In ihrer abschließenden Zusammenfassung verweist Gudrun Krämer auf die an dieser Stelle erforderliche theologische Herausforderung (S.259), ohne deren Annahme alle in anderen Kontexten erarbeiteten
Lösungen wohl nur “bricolage”, Bastelei, d.h. brüchig bleiben werden.
Wenn man die Ergebnisse der Krämerschen Arbeit korrekt interpretiert, dann scheinen sich die meisten arabo-islamischen Denker dessen kaum bewußt zu sein. Zudem scheinen sie die europäisch-islamischen
Entwicklungen nicht zur Kenntnis zu nehmen.
Gudrun Krämers Bestandsaufnahme reflektiert in nüchterner Art und Weise die arabo-islamische Entwicklung und nicht den Diskurs der umma schlechthin. Dennoch läßt sich manches davon
generalisieren. Und so ist dieser Band für Nachdenkliche eine Pflichtlektüre, denn er regt zur eigenen Bestandsaufnahme und den einen oder die andere zum Protest an.
Wolf A. Aries
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