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Werner Schiffauer
Die Gottesmänner
Türkische Islamisten in Deutschland
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000, 351 Seiten, DM 18,80
In früheren Zeiten mußten Ethnologen, Kulturwissenschaftler u.a. weite und beschwerliche Reisen ins hinterste Afrika oder Südamerika antreten, um dem hiesigen Publikum dann
Einblicke in exotische Völker und Kulturen bieten zu können. Heute ist das einfacher, denn exotische Völkerschaften leben um die Ecke: Die eingewanderten Minderheiten in Deutschland,
insbesondere solche aus der Türkei, sind zu einem brauchbaren Objekt eben solcher Studien geworden.
Ihren Marktwert bei einem breiteren Publikum haben diese Publikationen dann, wenn sie besonders exotisch daherkommen, den Türken von nebenan als den ganz
“Anderen” darstellen, Einblicke in geheimnisvoll-fremdartige Welten auf dem eigenen Hinterhof gewähren. Ganz oben auf der Hitliste des Exotismus mit dem höchsten Marktwert steht dabei der
sogenannte “islamische Fundamentalismus”. Unzählig sind mittlerweile die Berichte unerschrocken-aufgeklärter Forscher aus der finsteren Welt der bärtigen Hodschas und verschleierten Frauen.
Immer wieder werden auf gleiche Weise die gleichen Klischees bedient. Wer das kennt, wendet sich mittlerweile gelangweilt ab.
Der Titel des vorliegenden Buches (“Gottesmänner”) und der Untersuchungsgegenstand (Cemaleddin Kaplan und seine Gemeinde) lassen zuerst den Verdacht aufkommen, es
handele sich um Literatur eben jener Kategorie. Der Autor dieser Rezension verspürte deshalb erst auch wenig Lust, es zu lesen. Um es jedoch vorwegzunehmen: Der Titel ist weitaus schlechter
als das Buch! (Was im übrigen eine eher seltene Erscheinung ist; meist ist es umgekehrt)
Dies hat auch einen Grund, denn Werner Schiffauer, Kulturanthropologe aus Frankfurt/Oder,
nimmt seine Untersuchung gerade in Abgrenzung zu bestehenden Fundamentalismustheorien vor. In einem Schlußkapitel setzt er sich mit diesen auch kritisch auseinander: “Der
Fundamentalismus, der islamische zumal, wird im Diskurs der Wissenschaft, dem Diskurs der Medien und nicht zuletzt dem Alltagsdiskurs als das Andere schlechthin gefaßt. (...) Ähnlich den
Kategorien “traditionale Gesellschaften” oder “Afrikanische Kultur” wird mit “Fundamentalismus” das Andere auf der Folie des Eigenen gebildet – man entwirft ein Bild der eigenen Gesellschaft
(als zivilisiert, fortgeschritten, modern, aufgeklärt, rational) und konstruiert auf diesem Hintergrund den anderen als “Vorläufer” oder als “Gegenspieler”. (...) Die begriffliche Schieflage
wird dabei durch die empirische Forschung tendenziell eher bestätigt als widerlegt: Wer erst einmal ein bestimmtes Untersuchungsfeld abgesteckt hat, der findet auch, was er sucht ...”
Diese Kritik am Ansatz “Fundamentalismus” ist zwar theoretisch durchaus schon öfters geäußert worden, jedoch hat dies kaum zu praktischen Konsequenzen geführt,
etwa bei der sozialwissenschaftlichen Annäherung an die Eingewanderten islamischer Herkunft. Schiffauer bemüht sich darum, jedenfalls die Haltung zu vermeiden, wonach “von einem
überlegenen Standort aus erklärt wird, was Islamismus “eigentlich” ist (was (...) meistens auf die Postulierung eines Defizits hinausläuft).” Stattdessen beschränkt er sich auf eine Binnensicht, auf die Darstellung eines Diskursfeldes (nämlich der eingewanderten Muslime mit Herkunft aus der Türkei) und kommt dabei zu anderen Wahrnehmungen und Einsichten.
Im Zentrum der Untersuchungen Schiffauer steht dabei die Person Cemaleddin Kaplans, der in den Medien als “Khomeini von Köln” und “schwarze Stimme” zum Zerrbild
des “Fundamentalisten” schlechthin geworden war, und seine Wirkungen auf die türkeistämmigen Einwanderer in Deutschland. Untersuchungsgegenstand für letzteres war die Szene von aus der Türkei
eingewanderten Muslimen in Augsburg, die Schiffauer zwischen 1985 und 1993 beobachtete und eine Vielzahl von lebensgeschichtlichen Interviews mit Einzelpersonen führte. Gerade diese zeigen
höchst differente Entwicklungsprozesse.
Kaplan, der in der Türkei für das Amt für religiöse Angelegenheiten tätig gewesen, kam nach dem Militärputsch von 1980 und seiner in diesem Zusammenhang erfolgten
Versetzung in den vorzeitigen Ruhestand, nach Deutschland. Hier hatte sich das islamische Spektrum der türkeistämmigen Einwanderer schon in verschiedene Strömungen geteilt: Die dem
staatlichen “Amt für religiöse Angelegenheiten” unterstehenden Moscheen, der aus dem Sufismus hervorgegangene “Verband der Islamischen Kulturzentren” (“Süleymanci”) und die mit den
verschiedenen, immer wieder verbotenen und unter anderen Namen neugegründeten Parteien Necmettin Erbakans verbundene “Milli Görüs”. Kaplan wurde schnell zum Führer des radikalen Flügels von
“Milli Görüs” und spaltete diesen 1983 ab, als Erbakan versuchte, in der Türkei wieder eine legale Partei zu etablieren (die 1998 dann wieder verbotene “Refah”).
Gegen ein Agieren innerhalb des türkischen Parteiensystems setzte Kaplan das Konzept einer radikalen außerparlamentarischen Basisbewegung – und hatte damit unter
den Migranten in Deutschland anfangs großen Zuspruch. Inspiriert wurden die Ideen Kaplans wie auch die Gefühle seiner Anhänger wesentlich durch die islamische Revolution in Iran. Es herrschte
die Hoffnung vor, ähnliche Umwälzungen auch in der Türkei durchzuführen, und Kaplan vermittelte seinen Sympathisanten, hierfür quasi die Initialzündung geben zu können.
Jedoch basierten diese Hoffnungen auf falschen Voraussetzungen und mußten deshalb enttäuscht werden. Die Kaplan-Bewegung kam Ende der achtziger Jahre in die
Krise. Es kam zu Abspaltungen und viele zogen sich zurück. Kaplan reagierte darauf mit der Umwandlung einer bis dahin relativ offenen und egalitär struktutrierten Basisbewegung in eine
geschlossene, sektenähnliche Organisation mit elitärem Anspruch und hierarchischen Strukturen. Inhaltlich distanzierte sich die Gruppe vom Iran und nahm dann in den neunziger Jahren immer
extremere (und islamisch betrachtet abenteuerlichere) Positionen ein bis zur Ausrufung Kaplans zum “Kalifen”, was zu einer vollkommenen Isolation innerhalb des islamischen Spektrums in
Deutschland führte.
Bezeichnend in dieser Sektenphase ist – und das wird Schiffauer gut herausgearbeitet – das “Spiel” zwischen Kaplan und den Medien: Der “islamische
Fundamentalismus” hatte in den Medien einen Marktwert erhalten, dies war das Gesicht des Islam, welches in der Öffentlichkeit nachgefragt wurde und welches sich vermarkten ließ. Kaplan hatte
dies offenbar erkannt, denn er inszenierte sich fortan selbst als das Zerrbild eines “Fundamentalisten”, hielt gewaltätige Reden und ließ Jugendliche in der Kölner Sporthalle mit Holzgewehren
herumfuchteln und Atatürk-Figuren niederreißen. Noch etwas lehrte die mediale Vermarktung: Ein bestimmtes Muster mußte nicht nur immer wieder stereotyp bedient, sondern auch noch in sich
gesteigert werden. Und so steigerte sich Kaplan vom Statthalter des Kalifen zum Kalifen aller Muslime (!) selbst. Parallel dazu steigerte seine Darstellung in den Medien, insbesondere der
türkischen Presse, geradezu hin zu einer Dämonisierung (“schwarze Stimme”).
Nach Cemaleddin Kaplans Tod (1995) scheint die mediale Inszenierung von dessen Sohn und Nachfolger Metin Kaplan wohl nicht mehr beherrschbar gewesen zu sein: Während Cemaleddin
Kaplan zwar immer Gewalt gepredigt aber niemals angewandt hatte, wird 1997 der von Berliner Anhängern zum “Gegenkalifen” ausgerufene Ibrahim Sofu in seiner Wohnung erschossen – alle
Vermutungen sprechen dafür, daß die Täter aus dem Umfeld Metin Kaplans kamen. 1998 schließlich wird die Kaplan-Gruppe Opfer eines vermutlichen Komplotts des türkischen Geheimdienstes: Sie
sollen ein angebliches Selbstmord-Attentat auf die Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag der türkischen Republik. Es kommt zu Festnahmen ind der Türkei und in Deutschland. Metin Kaplan wird wegen
Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung der Prozeß gemacht.
Man kann bei der Kaplan-Gruppe also zwei Phasen feststellen: Eine Bewegungs-Phase und eine Sekten-Phase. In beiden Phasen hat Kaplan – und das arbeitet Schiffauer
anhand von Biographien einzelner Mitglieder recht gut heraus – eine tendenziell unterschiedliche Anhängerschaft. In der ersten, der Bewegungs-Phase waren die Aktivisten meist Einwanderer der
ersten Generation. Sie kamen meist aus einem traditionell-religiösen Milieu türkischer Dörfer. Ihre soziale Situation dort war oft von Armut geprägt und sie besaßen nur eine geringe oder gar
keine formale Schulbildung. Lesen und Schreiben hatten sie sich selbst beigebracht und sie waren dann – wie Schiffauer es beschreibt – oft von einem wahren Lesehunger ergriffen und eigneten
sich so ein beachtliches Wissen über den Islam an.
In Kaplan finden sie jemanden, der das artikuliert, was sie schon immer gedacht hatten: Dabei waren dies keine abstrakten Theorien über eine “islamische
Revolution”, sondern recht einfache und praktische Gedanken über eine Ordnung auf Basis des Islam, in der Einheit, Gleichheit und Gerechtigkeit verwirklicht werden und der einzelne Gläubige
so seinen würdigen Platz findet. Diese Ordnung sahen sie in der Moschee verwirklicht und wollten sie in die Gesamtgesellschaft tragen. Der Prediger Kaplan fand ihren Zuspruch, weil er offen
und kompromißlos seine Ziele formulierte (und nicht mit den Mächtigen taktierte, was man dem Politiker Erbakan zum Vorwurf machte). Gleichzeitig lassen sich diese Leute nicht organisatorisch
nicht fest einbinden, sie gehen genau so etwa zur Moschee von “Milli Görüs” oder auch “Diyanet”.
Als Kaplan eben dies versucht, nämlich eine hierarchisch strukturierte Kaderorganisation aufzubauen, ziehen sich diese Menschen zurück, vorallem weil sie sich von
Kaplans und der Gruppe nunmehrigem elitären Gehabe und den als exzentrisch empfundenen Auftritten (“Kalif”) abgestoßen fühlen. Ab jetzt bestimmt eine andere Schicht von Anhängern das Bild:
Junge Leute der zweiten und dritten Generation, in Deutschland aufgewachsen und mit einem zum Teil überdurchschnittlichen Bildungsniveau (Abiturienten, Studenten und Akademiker). Sie suchen
und finden in Kaplan etwas ganz anderes.
Exemplarisch ist dafür Seyfullah S., jüngerer Bruder des später erschossenen Ibrahim Sofu, mit dem Schiffauer ein längeres Interview führt: Seyfullah S. wächst in
Deutschland auf und beginnt in der Pubertät, sich gegen das traditionell eingestellte Elternhaus aufzulehnen. Er führt diese Rebellion mit den Mitteln der deutschen Gesellschaft, also nimmt
Haltungen ein, die aus einer traditionell-türkischen Sichtweise der deutschen Gesellschaft zugeordnet und abgelehnt werden. Dies treibt Seyfullah S., wie er es selbst beschreibt, quasi in
eine schizophrene Situation: Schließlich kann er sich nicht mit der deutschen Gesellschaft identifizieren, weil es die Gesellschaft ist, die ihn diskriminiert und ausgrenzt. Um sich ihr
gegenüber zu behaupten, muß es wieder geradezu den “Türken” spielen (womit er sich aber auch nicht identifizieren will, weil es die Welt seiner Eltern ist).
Aus dieser Identitäts-Zwickmühle “rettet” ihn gewissermaßen Kaplan: Über die Gruppe kann er sich sowohl von seinen traditionell denkenden Eltern abgrenzen (wo
Kaplan quasi als “Spinner” angesehen wird) als auch von der deutschen Gesellschaft (wo er und seine Freunde es auskosten können, als besonders gefährliche “Fundamentalisten” zu gelten,
wogegen sie sich selbst als “islamische Revolutionäre” stilisieren). Man kann jetzt gegenüber der ausgrenzenden deutschen Gesellschaft seine Differenz bewußt inszenieren (etwa durch Tragen
“islamischer Kleidung” mit Turban, Robe und weiten Hosen) und damit Selbstbewußtsein demonstrieren – sowohl gegenüber der deutschen Gesellschaft (“Eure Ausgrenzungsmechanismen tangieren uns
nicht mehr”) als auch gegenüber der türkischen Elterngeneration (“Duckmäuser”).
Werner Schiffauers Untersuchung bietet also ein sehr differenziertes Bild über Kaplan und seine Gruppe. Vorallem werden Entwicklungsprozesse deutlich – bei
einzelnen Personen, innerhalb der Gruppe, im Verhältnis zu anderen islamischen Gruppen und zur übrigen Umwelt. Vieles ist auch bar nicht so “anders” und “fremdartig”. Auch dürfte einiges zum
Beispiel für jemanden, der einmal in der deutschen Linken aktiv war, einen gewissen Wiedererkennungswert haben: Die Entwicklung der Kaplan-Gruppe von der (gescheiterten) radikalen
Basisbewegung zum sektiererischen Zirkel, die Auseinandersetzungen (mit dem Erbakan-Flügel) um Realpolitik und Systemopposition, Elemente der Agitation und auch der Parolen. Wie gesagt: Wer
unbedingt das “Andere” sucht, wird hier nicht fündig werden. Wer sich aber darauf einlassen kann, daß die Realität der eingewanderten Minderheiten vielschichtiger ist und sich nicht für
einfache Zuschreibungen eignet, dem sei das Buch empfohlen.
NorbertMüller
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