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Stefano Bianca: Hofhaus und Paradiesgarten.
Architektur und Lebensformen in der islamischen Welt.
Verlag C.H. Beck, München, 2. durchgesehene Auflage 2001.
Der Schweizer Architekt und Städteplaner Stefano Bianca beschäftigt sich seit mittlerweile über 25 Jahren
wissenschaftlich mit Architektur und Stadtplanung im islamischen Orient, insbesondere den arabischen Ländern. Neben Veröffentlichungen wie „Architektur und Lebensform im islamischen Stadtwesen“ (1979),
„Urban form in the Arab World. Past and Present“ (2000) und weiteren Publikationen zu islamischer Architektur und Städtebau liegt mit „Hofhaus und Paradiesgarten“ die durchgesehene Neuauflage dieses
ursprünglich bereits 1991 im C.H. Beck-Verlag erschienenen Werkes vor. Stefano Bianca hat sich als lange Zeit an der ETH Zürich lehrender Stadtplaner und heutiger Direktor des „Historic Cities Support Programme
of the Aga Khan Trust for Culture“ in Genf nicht nur theoretisch mit der islamischen Stadt befasst, sondern hat auch in zahlreichen konkreten Projekten vor Ort mitgewirkt, so in der zum UNESCO-Weltkulturerbe
erklärten Altstadt von Fes in Marokko, in Sana’a, Aleppo, Baghdad, aber auch in Mekka und Medina. In der Stadt des Propheten hatte er anlässlich der letzten Erweiterungen der Prophetenmoschee ein Konzept
vorgelegt, in dem weite Teile der nunmehr zerstörten Altstadt Medinas erhalten geblieben und die Moschee trotz Vergrößerung harmonisch in die umgebende Altstadt eingebettet worden wäre. Letztlich
wurde sich seitens der Verantwortlichen aber doch für eine Radikalvariante entschieden, bei der die komplette noch erhaltene Altstadt in weitem Umkreis um die Moschee abgerissen wurde. Eine Erläuterung
dieser Projektgeschichte mit Abbildungen der verschiedenen Planungsvarianten findet sich in „Urban form in the Arab World.“
In „Hofhaus und Paradiesgarten“ schildert Bianca in beeindruckender Art und Weise den Zusammenhang
von Architektur, Stadtgestalt und islamischer Lebensweise, wie sie sich in den traditionellen islamischen Städten manifestierte. Dabei bleibt er nicht bei einer oberflächlichen Schilderung von materiellen und
sozialen Strukturen stehen, sondern zeigt wie sonst nur sehr wenige nichtmuslimische Wissenschaftler, etwa Annemarie Schimmel, ein tiefgehendes, auch emotionales Verständnis für islamische Lebensweise und
Lebensgefühl, das sicher auch in seinem langjährigen persönlichen Kontakt zu Titus Burckhardt, dem die wohl tiefgründigsten Betrachtungen und Erklärungen zur Bedeutung der islamischen Kunst als
spirituell-ästhetischem Ausdruck des Islam zu verdanken sind, begründet ist. Wie Bianca im Vorwort selbst betont, geht es ihm darum, „die islamische Lebensordnung von ihren eigenen Voraussetzungen her
darzustellen und nicht auf Grund moderner westlicher Wertmaßstäbe zu beurteilen.“
Die „Lebensform als inneres Gerüst der islamischen Kultur“ wird von Bianca zu Beginn des Buches aus der
Tradition der „islamischen Urgemeinschaft“ abgeleitet. Im folgenden geht Bianca sowohl auf die schon von Ibn Khaldun ausgiebig behandelte Dichotomie von Nomaden und Sesshaften, insbesondere in Bezug auf
die Entwicklung von Siedlungsformen, ein, als auch auf verschiedene Bauten wie Herrschaftsresidenzen und Paläste, die Institutionen, sozialen Strukturen und das Lebensgefühl in der traditionellen islamischen
Stadt, das Stadtbild und die räumlichen Strukturen, Bauten des öffentlichen Raums wie Moscheen, Markt- und Gewerbebauten und die so wichtigen Stiftungs- und Wohlfahrtsbauten (Auqâf). Das Wohnhaus als
„Lebenskreis der Familie“, in dem sich sowohl in der Architektur des Wohnhauses selbst, als auch in der Struktur der städtischen Wohnquartiere und dem organischen Gefüge der Gesamtstadt die hohe Bedeutung
der Familie im Islam widerspiegelt, darf natürlich nicht fehlen. Umfangreiche Anmerkungen und Zitate aus klassischen islamischen Quellen ergänzen jedes Kapitel des Buches. Nach profunden Abschnitten über
den geistigen Hintergrund islamischer Kunst und Stadtgestaltung im letzten Kapitel wagt Bianca am Ende des Buches den Sprung in das „Dilemma der islamischen Kultur in der Gegenwart“, wie er es nennt.
Insbesondere seit der Kolonialisierung der muslimischern Welt und der auch in ihrer Folge zunehmenden Beeinflussung durch westliche Strukturen und Wertmaßstäbe, aber auch im Bereich scheinbar „profaner“
Bereiche des täglichen Lebens hat nicht nur ein Zerfall der traditionellen islamischen Lebensweise, sondern auch der aufs engste damit verbundenen Bautraditionen und Kunstvorstellungen stattgefunden. Die
Einheit islamischen Lebens, wie sie in der traditionellen islamischen Lebensweise zum Ausdruck kommt, ist in Großwohnsiedlungen mit zehnstöckigen Hochhäusern wohl sehr viel weniger erfahrbar als in der
klassischen islamischen Stadt mit Zentralmoschee und Quartiersmoscheen, dem Markt und den zahlreichen wohltätigen Stiftungen, sowie den die Privatheit berücksichtigenden Wohnvierteln mit dem nach innen
gerichteten Hofhaus als dem geschützten Ort der Familie. Dass auch viele engagierte Muslime heute die bedeutende Rolle dieser in den Fundamenten des Islam verankerten Einheit von Wohnen, Architektur,
Stadtgestalt, Kunst, Handwerk und Markt, familiärer und öffentlicher Lebensweise, in denen letztlich das zeitlose Modell der islamischen Gesellschaft von Medina zum Ausdruck kommt, also die sozialen Aspekte
islamischer Lebensweise heute oft nicht mehr kennen oder weit unterschätzen, ist ein Zustand nicht ohne Tragik. Gerade hier, in der konkreten Lebensweise, liegt nach wie vor das alternative Gesellschaftsmodell
des Islam und dessen Attraktivität begründet. Stefano Bianca gibt in seinem Buch einen faszinierenden Einblick in eine Welt, die in den muslimischen Gesellschaften heute entweder weitgehend zerstört oder
extrem gefährdet ist.
Yasin Alder (Bonn)
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