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Amir M. A. Zaidan

AT-TAFSIR

Eine philologisch, islamologisch fundierte Erläuterung des Quran-Textes

ADIB Verlag Offenbach 2000, 430 Seiten, DM 19,90

 

Schon wieder eine “Quran-Übersetzung”, gibt es nicht schon genug in deutscher Sprache? So wird mancher denken, aber dies ist eine falsche Einschätzung. Das fängt schon damit an, daß das in solchen Fällen oft benutzte Wort “Übersetzung” verfehlt ist. Der Quran ist nach islamischer Überzeugung das in arabischer Sprache offenbarte Wort Allahs, weshalb dessen voller Gehalt auch nur über den arabischen Originaltext erfahrbar ist. Jedoch selbst unter den (nichtarabischen) Muslimen beherrscht nur eine Minderheit die arabische Sprache so hinreichend, daß sie den Originaltext verstehen könnte. Man ist also auf “Übersetzungen” angewiesen – und hier beginnt das Problem.

Wenn man unter Übersetzung die Wiedergabe des Originals in einer anderen Sprache versteht, kann dies auf den Quran per definitionem niemals zutreffen. Eine Übersetzung kann niemals eine quasi authentische Kopie des Originals sein, weil sie immer auch eine Interpretation des Übersetzers beinhaltet in dem Sinne, daß bei der Übertragung des Originals in eine andere Sprache zwangsläufig unter verschiedenen Möglichkeiten der Fremdsprache ausgewählt werden muß, so daß Wortwahl, Formulierung, Stil und Inhalt ganz wesentlich vom Übersetzer beeinflußt werden.

Faktisch aber wir es also bei den sogenannten “Quran-Übersetzungen” mit verschiedenen Interpretationen zu tun und diejenigen Autoren, die die Sache korrekt bezeichnen, nennen das dann auch so (wie der vorliegende Band At-tafsir = Erläuterung heißt). Da der Quran die zentrale Stellung im Islam hat und daher jeder, der sich mit dem Islam auseinandersetzen will, sich einmal damit beschäftigt haben sollte, haben wir es hier auch nicht etwa mit Spezialproblemen für Linguisten und Religionswissenschaftler zu tun. Tatsächlich hat die falsche, sinnentstellende Wiedergabe von quranischen Begriffen in deutscher Sprache wesentlich zum Aufbau eines “Feindbildes Islam” beigetragen und steht einer sachlichen Auseinandersetzung weiterhin im Wege. Hierzu schreibt der Autor im Vorwort:

“Die Gründe für dieses bis heute nicht korrigierte Defizit in der Verwendung korrekter islamischer Begriffe liegen in der geschichtlichen Entwicklung Europas und der historischen Entstehung der Informationsquellen über den Islam. Während in allen Ländern des heutigen islamischen Kulturkreises (Vorderer Orient, Nord-Afrika, Asien, Afrika) die erste Begegnung der nichtmuslimischen Bevölkerung mit dem Islam durch bekennende Muslime (meist Kaufleute) stattfand, die durch ihr gutes Beispiel und den gelebten Islam Interesse und Sympathie für diese Lebensweise weckten, lief die Entwicklung im Westen einen völlig anderen Weg. Der Islam, der von den Muslimen nach Asien und Afrika getragen wurde, war authentisch. Die Informationen über den Islam entstammten den authentischen Quellentexten und wurden von praktizierenden Muslimen vermittelt. Trotz der relativ schnellen weltweiten Ausbreitung des Islam wurde bei der Integration des Islam in andere Kulturen darauf geachtet, die fundamentalen Fachbegriffe der Islamologie in die bestehenden Sprachen zu integrieren. (...) So findet man in allen Sprachen des islamischen Kulturkreises (von Marokko über die Türkei, Pakistan, Indien, Indonesien bis China und auch in Afrika) das einzigartige Phänomen, daß für die fundamentalen Inhalte des Islam die islamischen Fachbegriffe im arabischen Original verwendet werden- Iman, Aqida, Kufr, Schirk, Wali etc.

Im Gegensatz zu dieser authentischen Vermittlung des Islam durch Muslime haben wir im europäischen Sprachraum das Phänomen, daß der Islam hier bis heute nicht authentisch aufgenommen wurde, sondern vor hunderten von Jahren auch im Auftrag der Kirchen als völlig verzerrtes Feind- und Zerrbild importiert und dergestalt im Bewußtsein der Europäer verwurzelt wurde. Historisch betrachtet waren die meisten Orientalisten entweder christliche Theologen oder arbeiteten im Auftrag der Kirchen oder – später – für die Kolonialmächte. Sie studierten den Islam durch ihre Brille und die der Machthaber und bogen ihn nicht selten für die Interessen der Auftraggeber zurecht. Ergebnis dieser Manipulationen ist u.a. bis heute die Existenz vieler (Pseudo)-Islamexperten, die hier im Westen immer noch anstelle der Muslime zum Thema Islam tonangebend sind. (...)

Die Muslime, die dann im zwanzigsten Jahrhundert nach Europa einwanderten, kamen somit in Länder, die durch ein festgefügtes historisch verwurzeltes (Feind-)Bild vom Islam geprägt waren und deren Meinungsmacher eine Sprache für den Islam entwickelt hatten, die christlich-theologisch geprägt und weit vom authentischen Islam der Muslime entfernt war. Aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse und mangelnder islamischer Bildung – die Mehrheit der Einwanderer gehörte der Unterschicht an, teilweise waren sie Analphabeten – wurde diese höchst problematische Sprache von den ersten Generationen der Muslime kritiklos übernommen – Heiliger Krieg, Mohammedaner und Heilige Schrift – sind nur einige Beispiele, die das Ausmaß dieses Fehlverständnisses illustrieren.”

Amir Zaidan, in Syrien geborener und seit 1983 in Deutschland lebender Islamologe und zur Zeit Lehrbeauftragter für vergleichende Religionswissenschaft an der Universität Frankfurt/Main will deshalb bei seiner Übertragung islamischer Wissenschaften ins Deutsche konsequent einen anderen Weg gehen. Dabei wird Zaidan nicht nur von seinen Einsichten als Wissenschaftler, sondern vorallem auch von seinen vielfältigen praktischen Erfahrungen etwa als Gründungsmitglied und bis vor kurzem Vorsitzender der Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen und Mitglied in Gremien des interreligiösen Dialoges wie der Islamisch-Christlichen Arbeitsgemeinschaft in Hessen geleitet.

Ausgangspunkt einer korrekten Erläuterung des Quran-Inhalts ist natürlich eine genaue Kenntnis der arabischen Sprache, wobei dies, wie der Autor betont, über die selbstverständlichen Übersetzungkriterien, die auch den “Quran-Übersetzungen” durchaus beachtet würden, hinaus geht. Wichtige Details werden vielmehr nur von dem erkannt und auch richtig verstanden, der nicht nur Sprachkenntnis, sondern vorallem auch das nötige islamwissenschaftliche Hintergrundwissen besitzt. Zaidan gibt hierfür mehrere Beispiele.

Der Pauschalkritik von Zaidan an anderen Autoren ist meines Erachtens an diesem Punkt so nicht richtig, da auch andere, von einigen nichtmuslimischen “Übersetzern” einmal abgesehen, durchaus mit islamologischer Kenntnis arbeiten. Wenn sie in einzelnen Punkten zu anderen Ergebnissen kommen, so sind das eben legitime Meinungsunterschiede. Das qualitativ Neue von Zaidans Arbeit liegt jedoch in einem anderen Punkt: Wurde bisher immer wieder versucht, soviel wie möglich aus dem Quran in deutschen Worten wiederzugeben, so beläßt Zaidan umgekehrt soviel wie möglich im arabischen Original. Sein Ziel ist es, nicht übertragbare islamische Fachbegriffe als Fremdworte in den deutschen Diskurs über den Islam zu übernehmen. So werden Worte wie Dschihad, Iman, Kufr, Nifaq, Wali oder Zakat im Text nicht übersetzt, sondern in einem Anhang inhaltlich erläutert.

Nun komme aber niemand gleich mit dem Argument, zu viele arabische Fremdworte würden den Islam gegenüber fremd und unverständlich machen. Erstens hat, wie Zaidan überzeugend nachweist, die seit Jahren betriebene Eindeutschung den Islam ja gerade nicht verständlicher gemacht, sondern mehr Verwirrung gestiftet. Die meisten hier sonst benutzten deutschen Worte sind inhaltlich “belastet”, oft durch Assoziationen aus einem christlichen Kontext. Schließlich haben wir auch in anderen Lebensbereichen keine Probleme damit, Fremdworte zu übernehmen, wenn uns das notwendig erscheint.

Deshalb erscheint mir der hier verfolgte Ansatz richtig zu sein. Wenn wir arabische Begriffe neu erlernen, sind wir offen dafür, sie mit Inhalt zu füllen. Sind diese Begriffe erst einmal in den Diskurs eingeführt, ist der Gefahr von Mißverständnissen und Entstellungen zu einem guten Teil vorgebeugt. Daß die arabischen Worte oft mehrdeutig sind, sieht Amir Zaidan im übrigen nicht als Problem, sondern als einen Vorteil: Dem Leser werde damit die Möglichkeit eingeräumt, “über die anderen möglichen Erläuterungen der betreffenden Ayat nachzudenken und somit nicht nur als Konsument einer bestimmten Meinung des Verfassers aufzutreten, sondern bei der Interpretation dieser Ayat selbständig mitzuwirken. Sie führt damit weg von einem starren Quranverständnis hin zu einer zeitbezogenen, dynamischen Interpretation.”             

Norbert Müller

(Diese Rezension wurde mit der freundlichen Genehmigung der Zeitschrift “Die Brücke” veröffentlicht)

http://www.bruecke-saarbruecken.de

 

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