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Dr. Tariq Ramadan
An die Muslime und
ihre Mitbürger in der westlichen Welt
Die Luftangriffe haben begonnen. Die Welt scheint gespalten: auf der einen Seite die große Allianz um die Vereinigten Staaten, und auf der anderen Seite die Muslime in ihrer
Verlorenheit und Diversität. Wie wird ihre Reaktion aussehen? Plötzlich ist die Welt verändert - Schlimmstes steht zu befürchten. Was soll man agen? Was ist zu tun? Ich spüre das Bedürfriis, einige
Überlegungen mit meinen westlichen j'laubensgenossen und Mitbürgern zu teilen, in der Hoffnung, dass wir uns gemeinsam unserer großen Verantwortung bewusst werden, denn entgegen allem Anschein dieses
Krieges, der ,,irgendwo weit weg" passiert, wird über die Zukunft des Dialogs zwischen unseren Zivilisationen vor allem in unseren Gesellschaften entschieden.
Doch gehen wir der Reihe nach vor. Am Anfang muss die bedingungslose Verurteilung der Attentate Es wäre jedoch bedauerlich, wenn wir gleich danach einfach wiederholten, dass
wir die Vermischung der Dinge und die Stigmatisierung befürchten. Am meisten habe ich jedoch in der Tat Angst davor, dass die Muslime sich schließlich in ihrer Opferrolle gefallen, als ob es für uns
darum geht, entweder als potentielle Verbrecher abgewiesen oder als arme Opfer beklagt zu werden. Wir müssen uns von dieser traurigen Alternative freimachen. Die schrecklichen Ereicnisse in den
Vereinigten Staaten zwingen uns, in angemessener Weise Selbstkritik zu üben und vor allem aufzuhören, die Schuld bei den Anderen" zu suchen. Die Atrentate haben gezeigt, wie sehr wir auch nach
fünfzig Jahren Präsenz im Westen immer noch isoliert sind. Unsere Reden von einer Bürgerbeteiligung in den Vereinigten Staaten md in Europa betreffen auch heute nur eine muslimische Minderheit. Die
Mehrheit bleibt sozial und zulturell ausgegrenzt, und bei der geringsten sich bietenden Gelegenheit werden Trennlinien, Misstrauen geistige Ghettoisierung sichtbar. Nach dem 11. September könnte man nun
noch mehr versucht sein, sich in die Isolierung zurückzuziehen. Dabei sind wir klug beraten, genau das Gegenteil zu tun. Heute müssen wir mehr denn je präsent sein, uns äußern, den muslimischen Glauben,
seine Spifitualität, seine ,imipien sowie seine Forderung nach Frieden und Gerechtigkeit erläutern. Stärker noch als je zuvor müssen wir versuchen, aus dieser Gegenüberstellung (,,wir" und
,,sie") herauszukommen. Mit allen Partnern guten Willens (gläubige Menschen, Humanisten usw.) kommt es darauf an, die Meinungsvielfalt zu respektieren, die soziale Gerechtigkeit zu verteidigen und
uns in unseren jeweiligen Gesellschaften zu engagieren. Die Zeit ist gekommen, um im Westen allen Formen des Terrorismus entgegenzutreten, dem Extremisten ebenso wie dem der Diktaturen. Gemeinsam müssen
wir sagen, dass die inschuldigen Opfer in Afghanistan ebenso viel wert sind wie die unschuldigen Opfer der Vereinigten ;taaten. Mit gleicher Stimme müssen wir auf die unterschiedlichen Behandlungsweisen
hinweisen, die die allgemeine Überwachung der Bürger legitimiert, besonders wenn sie von arabischem Aussehen sind, wobei Netze der Hochfinanz, in denen sich so viele westliche Banken, Finanzmakler und so
manche skruppellose Politiker tummeln, ,,vergessen" werden.
Dieses Engagement mit unseren Mitbürgern sollte von einem klaren Disktirs begleitet werden. Wir riüssen den Mut aufbringen, diktatorische und rückschriffliche (sogenannte
,,islamische") Regime zu verurteilen, gleichzeitig müssen wir uns aber auch abgrenzen von Äußerungen und Handlungen, die Gewalt gitimieren und unsere Religion entstellen. Wir brauchen einen
wirklichen Dialog innerhalb der lemeinschaft, denn wir reden nicht mehr miteinander, wir haben unseren kritischen Geist und die Kultur s Dialogs verloren. Es gab eine Zeit, wo dieses Miteinander den
Reichtum der islamischen Zivilisation usmachte. Daran messen wir unsere heutige Armut. Unsere Machtkämpfe gereichen uns nicht zur Ehre, unsere Streitereien sind unwürdig. Wir haben Geschlossenheit
gegenüber dem Feind gezeigt, jetzt müssen wir lernen, in Zeiten des Friedens zusammenzuarbeiten.
Wir leben im Westen, und wir legen unsere Ehre darein, niemals die Völker des Südens und die rechtigkeiten, die sie erdulden, zu vergessen. Unser ethisches Verständnis als
Staatsbürger muss uns unsere Regierungen aufzufordern, das Prinzip der Gerechtigkeit zu unterstützen, die ziehungen zu Diktaturen abzubrechen und Freiheit und demokratische Rechte in allen Ländern mutig
anzustreben. Unsere eigene Geschichte fordert uns auf, unsere Stimme denjenigen zu verleihen, die ,keine Stimme" haben. Dies muss in Zusammenarbeit mit all denen geschehen, die diesen Kampf im
täglichen Leben in der westlichen Gesellschaft führen.
Ich möchte - an die Adresse meiner westlichen Mitbürger gerichtet - mit Entschlossenheit und Nachdruck den Gedanken hervorheben, dass wir nur dann echte pluralistische Gesellschaften
errichten können, wenn unsere Bemühungen kontinuierlich und abgestimmt sind. In dieser Hinsicht entsprechen die Unterrichtspläne in unseren Schulen nicht immer den Forderungen nach einer pluralistischen
Gesellschaft. Zu viele Bürger geben sich mit oberflächlichen Urteilen zufrieden. Doch wir können nicht zusammenleben, wenn man uns ignoriert. Unsere Gesellschaften haben sich verändert, und jeder muss
sich der Anstrengung unterziehen, seinen Nachbarn, dessen Überzeugungen und Hoffnungen direkt, außerhalb der Medien kennenzulemen, da letztere nur schlecht wiedergeben, was wirklich geschieht. Was bringt
es denn zu sagen, dass man den Islam wenig kennt? Die Muslime sind dafür am stärksten verantwortlich, doch auch ihre Mitbürger sollten aufhören, den Islam in vereinfachter und verzerrter Form zu
betrachten. Während der vergangenen schrecklichen Wochen sind sehr positive Zeichen sichtbar geworden: Im Gegensatz zu den verkürzten Darstellungen während des Golf-Kriegs haben Intellektuelle und Medien
versucht, zu erklären, die Dinge nuanciert darzustellen und aufzuzeigen, welche perversen Auswirkungen vorschnelle und vereinfachende Schlussfolgerungen haben können. Das sollte hervorgehoben werden,
denn da muss angesetzt werden.
Ich wünsche von ganzem Herzen, dass meine westlichen Mitbtirger sich nicht von dem emotionalen Schock überwältigen lassen, so dass sie nicht mehr erkennen, welch tiefgreifende
Entwicklungen sich in den muslimischen Gemeinschaften seit Jahren vollziehen. Die Fortschritte sind nicht sehr medienwirksam, und sie brauchen natürlich Zeit, doch sie existieren: Immer mehr Musliminnen
und Muslime der zweiten und dritten Generation beanspruchen für sich ihre muslimische Überzeugung und gleichzeitig ihre westliche Kultur. Sie respektieren die Verfassung, treten für die
Staatsbürgerschaft und eine offene Identität ein und unterstützen eine ,,islamisch-amerikanische oder islamisch-europäische Kultur". Während meines letzten Besuchs in Kanada und in den Vereinigten
Staaten vergangenen Sommer wie auch in den letzten Jahren in Europa war ich Zeuge dieser Veränderungen, die auf einen Entwicklungsprozess in Richtung einer stärkeren Präsenz hindeuten. Werden wir uns
gemeinsam der Herausforderung eines Zusammenlebens stellen?
Nach den schrecklichen Attentaten fallen nun Bomben in Afghanistan. Man spricht von einem langen Krieg. Alle Bürger dieser Welt sind jetzt in die Rolle potentieller Gpfer dieser
terroristischen Auswüchse gedrängt oder verwandeln sich in passive Zuschauer der Kriegslogik oder der kaschierten wirtschaftlichen Interessen. Wir müssen aufwachen, wir müssen Selbstkritik üben und einen
anspruchsvollen Dialog organisieren, der keine Frage auslässt. Nur so können wir solide Brücken bauen und das notwendige Vertrauen herstellen. Man hat uns die düstere Ankündigung eines ,,clash of
civilisations" gernacht. Unsere Aufgabe ist es, Räume zu schaffen für unser gemeinsames Engagement und keine Verteufelung der Welt zuzulassen. Unsere beste Antwort auf die Logik des Krieges oder der
Konfrontation, die zu einer verzerrten Gegenüberstellung von ,,Okzident und Islam" fülirt, ist Austausch und gegenseitige Bereicherung in unserem täglichen Leben, in unseren Städten. Wir haben viele
gemeinsame, universelle Werte. Der Islam verlangt im Angesicht des Schöpfers Respekt gegenüber sich selbst und den anderen, Nächstenliebe und Gerechtigkeit. Nichts kann die Attentate und den Tod
Unschuldiger rechtfertigen. Bürger aller Konfessionen und unterschiedlicher Zugehörigkeit, es ist Zeit, aus unseren intellektuellen und sozialen Ghettos herauszukommen! Wir müssen wieder lemen, uns den
Anderen in all ihrer Komplexität anzunähern und ihre Unterschiedlichkeit zu respektieren, ohne die Grundprinzipien des Pluralismus, der Gerechtigkeit und der Gkichheit zu verletzen. Angesichts der Bilder
aus Afghanistan gewinnen wir eine tiefe Überzeugung: Wir müssen das notwendige Risiko einer Selbstkritik eingehen und mit Demut anerkennen, dass die Einen ohne die Anderen nichts erreichen und nichts erhoffen können.
Tariq Ramadan ist Professor für Islamwissenschaften und Philosophie in Fribourg und Genf.
Neueste Veröffentlichungen:
Peut-on vivre avec l'Jslam? (Kann man mit dem Islam leben?), gespräch mit Jacques Neirynck, 1999, Favre, Lausanne.
L ,islam en questions (Fragen an den Islam), Gespräch mit Alain Gresh, 2000, Actes Sud, Paris.
Islam. the West and the Challen ges ofModernity, 2001, Islamic Foundation, VK
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